Montage of Heck – Schonungslos ehrliche Doku über Kurt Cobain

Montage of Heck im Casablanca KinoEs ist Freitagnacht, 1.30 Uhr. Ich verlasse das Kino Casablanca in Bochum. Es fühlt sich irgendwie an, als hätte ich gerade über 2 Stunden einer ebenso genialen wie verletzlichen Seele beim Sterben zugesehen. Tief berührt, fassungslos, geschockt, gebannt, traurig.

Was Brett Morgen hier geschaffen hat, ist nicht noch eine der unzähligen Dokus über die Stimme einer ganzen Generation. Er hat, wie er selbst nach dem Film in einem AddOn erzählt, als erster und einziger bisher den Schlüssel zu dem Raum bekommen, in dem alles lagert, das von Kurt Cobains Schaffensphase übrig geblieben ist. Man sieht ein paar Kisten, Gitarrenkästen und ein paar Bilder. Er selbst war, wie er sagt, verblüfft, wie wenig Dinge es sind. Aber nach einer Weile bemerkte er, wie dicht und intensiv das Material ist. So findet er auch die Kassette, die mit den Worten Montage of Heck beschriftet ist und ein Mixtape ist, dass Kurt in frühen Jahren als Collage gemixt hat. Schon das ist äußerst verstörend. Morgen sagt, er hatte am Ende der Durchsicht aller Kassetten, Texte und Bilder das Gefühl, Kurt Cobain besser zu kennen als seine Freunde. In dem Film kommen nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Dave Grohl und Courtney Love zu Wort, sondern auch seine Schwester, sein Vater und seine Mutter, zu der er eine ganz besondere Beziehung hatte.

Von allen abgelehnt

Der Film erzählt schonungslos ehrlich und gleichzeitg extrem feinfühlig, wie aus dem niedlichen kleinen Jungen aus Aberdeen am Ende nicht nur ein großer Rockstar, sondern ein höchst verzweifelter, sich nach dem Tod sehnender Mensch wurde. Die Scheidung der Eltern als Erschütterung seiner heilen Welt. Eine Kindheit und Jugend, in der ihn niemand haben wollte, weil er nicht in die Norm passte und schwierig war. Schließlich ein verklemmter, skurriler Teenie, mit dem niemand wirklich etwas zu tun haben wollte, der sich in die Musik flüchtet und in teils wirre, extrem düstere Texte und Zeichnungen.  Immer wieder gelingt es Brett Morgen anhand von, durch Animation zu Leben erweckte Texte und Zeichnungen von Kurt, einen tiefen Einblick in sein Seelenleben zu geben. Alte Tonbandaufnahmen, zu denen die Bilder fehlen, setzt er mit Hilfe von Zeichentricksequenzen so sensibel um, dass sie sich nahtlos in den Film einfügen.

Als hätte sie es geahnt

Eine Szene, die schmerzlich zeigt, wie sehr Kurts Mutter alles vorausgahnt hat und ebenso verdeutlicht, wie gut sie ihren Sohn kannte, ist die, als sie erzählt, dass Kurt eines Tages nach Hause kam, ein Tape in der Hand hielt und ihr sagte, das sei der Master zur neuen Platte. Sie bittet ihn, es einzulegen und möglichst laut zu machen. Sie sagt, sie mag laute Musik. “Schnall dich an, darauf bist du nicht vorbereitet”, sagt sie zu ihm, als sie die Aufnahme gehört hat. Wie wahr. Denn aus der Band, die den Grunge in kleinen Räumen erfand und in fast ebenso kleinen Locations spielte, wird quasi über Nacht die Stimme einer Nation, die keinen Bock mehr auf saubere Popmusik und saubere, verlogene Einstellungen hat, wie es der Film verdeutlicht. Hier geht es um ehrliche Gefühle, ehrliche Musik, bei der Äußerlichkeiten keine Rolle spielen. Oder eben so, dass sie bewusst schmuddelig zur Schau getragen werden. Wie farblos und gleichermaßen belanglos in den 90ern rauf und runter gespielte Heile-Welt-Songs von Popstars wirken, ist fast schon erschreckend.

Ein Rockstar, der eigentlich keiner sein wollte

Kurt Cobain wird überrollt vom Ruhm, nimmt Drogen – der Beginn, so scheint es, sind Mageschmerzen, die er mit Hilfe von Heroin in den Griff zu bekommen versucht. Dann lernt er Courtney Love kennen. Die beiden lieben sich abgöttisch und rutschen leider auch abgöttisch schnell in einen tiefen Sumpf. Videos, die Kurt und Courtney völlig zugedröhnt und lallend im Badezimmer zeigen oder Amazing Grace grölend. Diese Szenen verursachen bei mir als Zuschauer fast körperliche Schmerzen. Schlimmer noch wird es, als man sieht, wie die beiden ihre kleine Tochter Frances Bean lieben, Kurt sie im Arm hält und die Augen dabei kaum aufhalten kann, weil er, wie er selbst sagt, müde ist. Es ist so offensichtlich, worauf alles hinauslaufen wird. Und das, nicht nur, weil wir alle das Ende kennen. Wieder ist es seine Mutter, die von einer Situation erzählt, als sie Kurt bei einem seiner seltenen Besuche auf seine Heroinsucht anspricht und er in Tränen ausbricht, weil er sich schämt. Irgendwie möchte ich die ganze Zeit herausschreien und fragen, warum ihm alle beim Sterben zusehen, seine mit Selbstmordgedanken und verzweifelten Hilferufen gespickten Texte ignorieren… und niemand etwas tut. Aber vermutlich wäre das auch gar nicht möglich gewesen.

R.I.P. Kurt und danke für deine Texte und Songs, die mich ebenso berühren und für mich unvergesslich bleiben werden wie dieser Film.

“No, I don’t have a gun”, “No, I don’t have a gun”, “No, I don’t have a gun”… leider hattest du doch eine.

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