Normalement, ce n’est pas un problème – #bootblogger on Tour

#bootblogger

Es sind 34 Grad. Ich sitze an Deck eines Haubootes namens „Bob Morane“ und denke über meine Moderation bei Besser Online im September nach und überlege mir, was ich in meine Präsentation für das Reeperbahn-Festival schreiben soll. Weiß aber nicht so recht, wie ich das alles umsetzen könnte, weil ich kein Internet vorhanden oder für mich zumindest nicht zugänglich ist. Ort des Geschehens:  Irgendwo zwischen Saintes und Saint Savinien in Frankreich auf dem Flüsschen Charente.

Heute bin ich mal dran mit „Käpt’n sein.  Anlass dieser Tour ist es, über diese Reise zu bloggen, als #ueberallarbeiter. Als Gegenleistung stellen uns die Firma Bootsreisen Ventelou und der Veranstalter FPP Travel in Kooperation mit dem französischen Verleiher Les Canalous ein 11 Meter langes Hausboot zur Verfügung, das für eine Woche lang mein gemeinsames zu Hause mit zwei weiteren Bloggern wird. Ins Leben gerufen hat diese Aktion _1110007Marco Nöchel von der Krefelder Firma HKN. Er hat „die Ventelous“ auf einer Veranstaltung im Ruhrgebiet kennengelernt und gemeinsam mit ihnen diese Idee entwickelt. Doch zurück zu uns. Gestartet sind wir in Cognac. Einem kleinen Städtchen im Südwesten Frankreichs. Mit den typischen kleinen Gässchen, netten Cafés und ganz

vielen Cognac-Verkostungen. Und natürlich ein paar hervorragenden Chocolatiers, die nicht nur Macarons in allen Farben und Geschmacksrichtungen im Angebot haben, sondern auch feinste Pralinchen.  Die Atmosphäre ist hochsommerlich. Kaum spürbar, dass der September schon begonnen hat. Die Einweisung in das Boot funktioniert mit Händen und Füßen, weil „Master James“, wie er sich selbst nennt, und seine Kollegin nur französisch und polnisch sprechen. Wir aber Letzteres gar nicht und Ersteres nur rudimentär. Aber irgendwie klappt es schließlich. Und es stand ja auch so in den Unterlagen, die wir zuvor bekommen haben. „Normalement, ce n’est pas un problème“ lautet übrigens sein Lieblingssatz bei Fragen nach Wassertank, Sprit und Sicherungen. Und er sollte damit Recht behalten 🙂

 

Manuelle Schleusen als kostenloses Fitnessprogramm

Wir fahren eine gemeinsame erste Proberunde und lassen uns erklären, dass in Frankreich – anders als zum Beispiel auf der Mecklenburgischen Seenplatte , wo ich im letzten Jahr schon als Bootbloggerin unterwegs sein durfte – Schleusen durchaus auch komplett von Hand bedient werden müssen. Und zwar die meisten. Das ist gar nicht so einfach und ganz schön anstrengend. Schleusentore zu- und aufkurbeln, Boot einfahren, Wasser rein- und rauslassen, anlegen, alles wieder zumachen, weiterfahren.  Es sei denn, es stehen zufällig ein paar nette Helfer bereit, die mitkurbeln. Es gibt allerdings auch solche, die ihre Angel mit einer stoischen Ruhe in das Schleusenbecken halten und dann irgendwann etwas von „cinq Euro“ murmeln und damit meinen, dass sie das Schleusentor für 5 Euro für uns wieder zumachen würden. Nein, dann ist uns ein kostenloses Training für die Armmuskulatur doch die liebere Variante. Unsere erste Tour führt uns nach Saintes. Die Stadt ist der Hauptort der alten Kulturlandschaft der Saintonge. Hier pulsiert das Leben. Ich mache einen langen Spaziergang, um die Stadt zu erkunden. Vorbei an diversen Kirchen, wunderschönen alten Häusern und der  ehemaligen Prioratskirche Saint-Eutrope im Westen der alten Innenstadt, die seit 1998 Teil des Weltkulturerbes der UNESCO ist. Die romanische Pilgerkirche aus dem 11. und teils auch 12. Jahrhundert ist beeindruckend, vor allem der überragende Glockenturm und die riesigen Kirchenschiffe.  Ich schaffe es an dem Abend noch bis zum alten Amphitheater und genieße die Atmosphäre der untergehenden Sonne, die sich mit diesem historischen Ort mystisch vermischt.

Gute Gründe, nicht auf Grund zu laufen
Die nächste Station ist Saint Savinien. Ein verschlafenes Örtchen an der Charante, in dem wir eine Nacht verbringen. Erstmal. Trotz vorheriger Bedenken Charente-erfahrener Schiffsfahrer wagen wir uns am darauffolgenden Tag von Saint Savinien nach Rochefort. Wieder strahlt die Sonne von einem knallblauen Himmel.

Wir genießen die Ruhe und die malerische Landschaft und schippern ruhig vor uns hin. Schnell merken wir, dass allein der Wind auf diesem Streckenabschnitt anders weht. Der Einfluss des Atlantiks ist direkt spürbar. Zwar befolgen wir die Anweisung des Schleusenwärters, Rochefort um 15 Uhr zu verlassen, um pünktlich um 18 Uhr wieder zurück an der Schleuse zu sein, doch passt das Timing leider trotzdem nicht. Das Wasser ist zwischendurch extrem niedrig, der Boden spürbar. Aber es bleibt uns nichts anderes übrig als weiterzufahren. Zurück wäre fatal. Die Fahrrinne wird immer enger. Schiffe, die wir auf der Hinfahrt schwimmend fotografiert haben, liegen auf Schlick. Schwäne machen sich einen Spaß daraus, die Schlickberge ins Wasser herunterzurutschen. Diverse Vögel begleiten uns. Die Stimmung ist ganz anders als auf der Hinfahrt. Irgendwie scheint es, als kämen alle Tiere immer näher und würden zutraulicher. Kein Wunder.

Das Ziel ist im Weg

Vielleicht wissen sie genau, dass unsere Aktion hier etwas gewagt ist. Ungefähr 100 Meter  von der Schleuse entfernt, ist dann Schluss. Wir laufen auf Grund und kommen nicht weiter. Dann lässt sich plötzlich auch unser fahrbarer Untersatz nicht mehr steuern, weil der Motor des Bootes aus dem Jahr 1999 heiß gelaufen ist und nicht mehr angeht. Nichts geht mehr, und wir schaukeln unsteuerbar und unkontrolliert auf die Schleuse zu. Kein gutes Gefühl. Einzige Möglichkeit: Anker werfen. Tun wir. Dann funktioniert der Motor plötzlich wieder, aber wir bekommen den Anker nicht mehr los. Das Wasser steigt inzwischen wieder. Durch ein leicht verzweifeltes Hin- und Hersteuern kommen wir zum Glück frei. Und die Schleuse? Die haben wir immer noch vor Augen, aber es ist mittlerweile 18.15 Uhr, und der Schleusenwärter hat sich auf sein verdientes Feierabendbier in die einzige Kneipe verabschiedet, die an diesem Tag noch geöffnet ist. Also übernachten wir mit Blick auf die Schleuse an einem Ponton. Ein paar Worte zu Rochefort. Der Auflug hat sich gelohnt. Es gibt niedliche Cafés, die – für Überallarbeiter nicht unwichtig – fast alle über WiFi verfügen, köstlichste Schokoladenmanufakturen, verführerische Schuhgeschäfte, eine Markthalle mit Käse-, Fisch- und Fleischspezialitäten, alte Schiffe und vieles mehr. Ein Besuch, der sich absolut lohnt, allerdings vielleicht beim nächsten Mal dann doch lieber mit dem Auto.

WiFi? Gibt’s doch gar nicht!

Morgens um 8 sind wir die ersten, die dann endlich wieder durch die Schleuse in ruhigere Gewässer fahren dürfen. Auf geht es zurück in Richtung Cognac, wieder vorbei an Saintes. Mit kurzem Stopp in Cognac, wo wir erstmal drei defekte Stühle und „Bootranholhaken“, wie ich sie nenne, austauschen. Meine Mitfahrer wollen unbedingt an diesem Tag noch weiter in Richtung Angouleme aufbrechen. Ich füge mich. Vier weitere Schleusen und diverse Unterhaltungen mit Australiern und Engländern später kommen wir nach inzwischen circa 10-stündiger Bootstour schließlich in Jarnac an. Und sind hundemüde. Mehr als ein Mini-Rundgang für den ersten Eindruck ist nicht mehr drin. Wir parken das Boot direkt an einer Cognac-Destillerie und einer Pferderennbahn. Hier ist es etwas ruhiger als am gegenüberliegenden Steg, an dem direkt die Hauptstraße des Ortes vorbeiführt. Hinzu kommt, dass das Anlegen und Übernachten komplett kostenlos ist und wir so die 20 Euro Gebühr sparen, die wir im Abschnitt von „Le Boat“, einem anderen Vermieter von Hausbooten auf der Charante, gezahlt hätten. Zwar sind hier, anders als in Deutschland viele Anlegestellen kostenlos. Allerdings gibt es dann auch oft weder Strom- noch Wasseranschlüsse. Und an WLAN ist erst gar nicht zu denken. So müssen wir uns mit dem Gang in Cafés mit WiFi behelfen und, wenn wir mal Strom haben, schnell alles aufladen, was wir dabei haben. Damit wir wieder eine Weile über die Runden kommen. Denn auf dem Schiff gibt es nur einen Anschluss, der über Umwandler funktioniert. Den haben meine Mitreisenden zwar dabei, brauchen ihn aber selbst. So wird nicht nur das Arbeiten mit Internet, sondern auch das Schreiben ohne WiFi am Rechner zu einer echten Herausforderung. Und das Posten über Facebook als #bootblogger und #ueberallarbeiter gestaltet sich auch ein wenig schwierig. Snapchat zum Beispiel funktioniert wegen des wenn denn mal vorhandenen, extrem schwachen Netzes leider auch nicht.

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Midnight in Paris – danke, Couvoisir!

Die Zeit rast. Schon ist es Donnerstag. Ein kleines Stückchen wollen wir noch weiter in diese Richtung fahren, bevor es am Freitag endgültig wieder zurück nach Cognac geht, wo wir am Samstagmorgen um 9 Uhr das Boot wieder abgeben müssen.  Ein Cognac-Tasting muss aber vorher noch sein. Da bietet sich Courvoisier in Jarnac an. Der viertgrößte Cognac-Hersteller lässt sich nicht lumpen. Alles wirkt edel. Einige Flaschen mit ganz besonderem Inhalt kosten bis zu 6.000 Euro. Camille, so heißt die Dame, die uns durch die Ausstellung führt, erzählt etwas über die Herstellung, über Napoleon, die Courvoisiers und, dass 18 Millionen Flaschen Cognac von Frankreich aus in alle Welt verschippert werden. Für den aktuellen Werbeclip wurde der Eifelturm und die gesamte Szenerie des Herstellungsvefahrens in liebevollster Kleinarbeit in Scherenschnitt nachgebildet. Hut ab, da hat die Promotion-Abteilung, die witzigerweise in England sitzt, ganze Arbeit geleistet. Meine Frage nach einer Social Media Strategie verneinen die herbeigeeilten Verantwortlichen jedoch. Man mache ein wenig Facebook in englischer und französischer Sprache und etwas Instagram, aber eine richtige Strategie sei nicht vorhanden. Natürlich dürfen wir am Ende auf probieren. Mein Favorit: Der von Courvoisier kreierte Cocktail „Midnight in Paris“– 2cl Cognac, Ginger Ale und eine Orangenscheibe. Werde ich zu Hause auf jeden Fall nachbasteln.  Und weil wir uns als Journalisten angemeldet haben, gibt es noch eine kleine Extra-Führung durch das Courvoisier-Chateau. Hier werden VIP-Gäste bewirtet und dürfen zum Teil auch übernachten.

Charente by night… oder so ähnlich

5 Handarbeitsschleusen und somit diverse schweißtreibende Kurbeleien weiter kommen wir an diesem Abend in Chateauneuf sur Charente an. Es ist schon dunkel und etwas grenzwertig, in diesem Licht noch umherzufahren, aber auch dieses Mal geht alles gut und wir legen an. Ein weiterer Tag ist zu Ende. Der nächste startet mit einem Rundgang durch Chateauneuf. Ein weiteres, niedliches, verschlafenes Örtchen. In einem kleinen Café finde ich richtig Café Crème und selbstgemachte Feigenmarmelade. Ein schönes Mitbringsel. WiFi gibt es auch hier nicht, aber ich darf mein Laptop in die Steckdose stecken und kann wenigstens schon mal etwas schreiben.  Dann brechen wir auf zu unserer letzten Schifffahrt. Sie führt uns an acht (!) manuellen Schleusen vorbei zurück nach Cognac. Bei einem Gläschen Weißwein aus Bordeaux klingt der Abend stilecht aus. Die letzten Sonnenstrahlen berühren mein Gesicht und sagen „Au Revoir“.  Am späten Abend dann ein letzter Blick in den klaren Sternenhimmel über der Charente und der Entschluss, sicher nochmal wieder zu kommen. Dann aber mit etwas mehr Französischkenntnissen und Adaptern. A bientot!

Drum prüfe, wer sich eine Woche bindet

Mein Fazit: Für alle, die Natur, Wasser und die französische Lebensart lieben, ist eine Reise über die Charante mit Le Cantelou wirklich empfehlenswert. Allerdings können ein paar Französischkenntnisse hilfreich sein. Und allen, die eine Bootstour machen, sei gesagt, dass das Zusammensein auf engem Raum nicht für jede Menschenkonstellation günstig ist.

 

Dinge, an die man bei einer Hausboottour über die Charente denken sollte:

  • Regenjacke und Regenhose (auch, wenn wir #bootblogger und #ueberallarbeiter eine Woche lang strahlenden Sonnenschein hatten)
  • Adapter zum Nutzen bzw. Aufladen elektrischer Geräte während der Fahrt
  • Eine Kaffeemaschine (hier empfiehlt sich French Press, da kein Strom benötigt wird)
  • Eine eigene Taschenlampe (in der, die sich an Bord befindet, sind keine Batterien, die müssen die Bootsfahrer selbst mitbringen
  • Ein Feuerzeug oder Streichhölzer für den Gasherd
  • Handtücher
  • Sonnencreme, Sonnenbrille und Sonnenhut oder Cap (die Sonne knallt hier ganz gewaltig)
  • Festes Schuhwerk, um an Bord nicht auszurutschen
  • Handschuhe für die Seile (zahlreiche Schleusenvorgänge hinterlassen fiese Spuren in den Händen)
  • Gute Laune
  • Teamfähigkeit

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Und noch ein paar Tipps:

  • Nicht mit dem Boot nach Rochefort fahren, da die Gefahr, auf Grund zu laufen, sehr groß ist
  • Fahrten im Dunklen vermeiden, da dann sowohl der Untergrund als auch die Umgebung nicht mehr wirklich einschätzbar ist
  • Am besten gemeinsam mit anderen Booten schleusen. Das erspart diverse Kurbelvorgänge und ist sehr kommunikativ
  • In den Städtchen vor allem auch in die kleinen Gassen und Straßen gehen. Dort finden sich kleine, viel schönere Cafés und Restaurants als an den Hauptplätzen der Stadt
  • Achtung: Die Touristeninformationen und auch einige Bootsanleger sind nach 18 Uhr nicht mehr erreichbar. Das heißt, sowohl Strom als auch ein mögliches Internetkennwort sind dann nicht mehr erhältlich.

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