Schwesterntour in die Worpsweder Parallelwelt

Worpswede

„I’m only human after all. „Don’t put your blame on me“! Seine Stimme lässt das Docks in Hamburg erzittern. Er, das ist Rory Graham, besser bekannt als Rag ’n‘ Bone Man. Ich schließe die Augen und genieße dieses Ausnahme-Live-Erlebnis. Da steht ein Typ auf der Bühne, der sich mitunter etwas unbeholfen bewegt, fast wie ein tapsiger Riese scheint, und dann haut er diese Songs raus. Mit so viel Gefühl und Klarheit, dass es fast wehtut. Während seines aktuellen Hits „Skin“ könnte man eine Stecknadel im ausverkauften Club fallen hören. „Cause it was almost love“… aber eben nur „almost“… und das spürt man in jeder Songzeile.
Anlass dieses Kurztrips nach Hamburg ist meine Schwester. Denn ihr hatte ich den Konzertbesuch zu Weihnachten geschenkt. Bei strömendem Regen treffen wir uns im Maharaja, meinem absoluten Lieblingsinder. Mixed Pakosas – Gemüse- und Paneerstückchen in Kichererbsenteig – und Patediya schmecken genauso köstlich wie alles andere, was ich hier in den letzten Jahren schon probiert habe. Zack, vor dem Konzert mal eben zwei Stunden geschlemmt und geplaudert und genossen. Und dann der eben schon beschriebene Ohrenschmaus (sorry für die schlechte Handy-Video-Qualität, aber ich brauchte diese Erinnerung unbedingt ;-))

Doch so eine Schwesterntour lohnt natürlich nicht für einen einzigen Abend. Also ging es nach dem Konzert direkt weiter in die Randlage Worpswede. Hier hatte ich mittags bereits den Schlüssel für unser feines Zimmerchen abgeholt, um nachts niemanden mehr aus dem Bett schmeißen zu müssen. „Pass aber gut auf die Rehe auf, wenn ihr heute Abend zurück fahrt“, warnte mich Marie S. Ueltzen, die dieses außergewöhnliche „Bed & Breakfast“ seit 2015 gemeinsam mit Volker Schwennen betreibt. Auf der Rückfahrt von Hamburg begegnen uns dann tatsächlich 12 (!) Tiere, die wir aber dank der Vorwarnung vorsichtig umfahren können.

Schon am Nachmittag war ich total begeistert von der vietnamesischen Kaffeezeremonie, die ich dann an den nächsten vier Tagen jeden Morgen genießen darf. Man nehme ein Glas, einen Metallfilter, vietnamesichen Kaffe und beobachte, wie das kochende Wasser allmählich zu leckerer Wach-Mach-Flüssigkeit mutiert und langsam ins Glas tropft. Schmeckt toll und verhindert garantiert das unachtsame Wegkippen von zu viel Koffein. Ich habe mir nach dem Urlaub dann auch direkt ein kleines Set bestellt. Gibt es von der Firma Trung Nguyen über verschiedene Plattformen im Netz.

Schokokuchen und Pferde

Aber zurück zur Randlage. Marie und Volker haben ihr ein echtes, kleines Paradies geschaffen. Man ahnt nur noch im Ansatz, dass dieses Haus 1894 als Dorfschule erbaut und bis 1960 genutzt wurde. Jetzt gibt es vier wunderschöne Dachzimmer und einen großen Frühstücksraum, aus dem man eigentlich gar nicht mehr wegmöchte. Sonnendurchflutet mit Blick auf Felder und den Garten. Und mit etwas Glück huscht auch gerade eine der beiden Katzensenioren am Fenster vorbei. Wir machen uns direkt nach dem Frühstück auf den circa 7 Kilometer langen Weg ins Dorf, um dort Fahrräder zu leihen. Die Landschaft ist ein Traum. Über Felder, vorbei an diversen Kühen, Pferden und wunderschönen alten Häusern, kommen wir schließlich an und sind ein wenig überrascht, wie viel Verkehr hier hersscht. Ein paar nette Cafés, viele Galerien und leider sehr viele, sehr schnelle Autos. Man hat glatt Mühe über die Straße zu kommen (ich habe es selbst in Indien lebend über die Straße geschafft, weiß also, wovon ich spreche ;-)).  Egal. Wir fliehen vor einem kurzen Regenschauer in das Caféhaus Moma, wo wir in den nächsten Tagen noch öfter pausieren. Der hausgemachte Schokokuchen ist der Brüller.

Hasen? Können komische Gedanken hervorrufen

Mit den Rädern radeln wir zurück zur Randlage und kommen gerade noch pünktlich. Denn an diesem Tag ist Kino-Abend. Wir lassen uns überraschen und verfolgen den skurril-abgedrehten Film Donnie Darko – als Director’s Cut, versteht sich. Alle, die den Film kennen, ahnen, dass anschließend die diversen Hasen auf den Feldern und auch auf dem Tisch angesichts des Osterfestes, häufiger für ein Schmunzeln sorgten. Und ansonsten? Ein Muss für alle, die es mystisch-verrückt mögen und sich auch öfter mal so fühlen, als würden sie in einer Parallelwelt leben. Ich jedenfalls bin begeistert und frage mich, warum dieser Kult-Film eigentlich damals an mir vorbeigerauscht ist, als er rauskam. Donnie: „Warum trägst du dieses dumme Hasenkostüm?“ –  Frank: „Warum trägst du dieses dumme Menschenkostüm?“ Noch Fragen?!?

Am nächsten Tag geht es dann in der Parallelwelt lustig weiter. Denn wir haben tags zuvor ein Schild für einen Flohmarkt gesehen und radeln los nach Grasberg. Dort findet aber kein Flohmarkt statt, da er erst für den nächsten Tag auf einem Plakat angekündigt ist und wir uns – komischerweise beide – vertan haben. Tags drauf versuchen wir es erneut. Das Schild ist weg, ein Flohmarkt ist auch nicht zu sehen. Auf Nachfrage bei zwei älteren Damen im Ort, bekommen wir nur ein völlig entgeistertes „Flohmarkt, hier???!!!?“ zu hören. Mmh, schon merkwürdig…

Künstlerkolonie und verdammt guter Kaffee

Aber ein bisschen Kunst muss in diesem Künstlerdorf natürlich auch sein. So schauen wir uns eine Fotoausstellung in der Worpsweder Kunsthalle an, bewundern anschließend das „Haus im Schluh“, das Martha Vogeler, die Frau von Heinrich Vogler, 1920 gründete. Ein idyllischer Ort, der gut erahnen lässt, wie die Kunst-Herren und -Damen zur damaligen Zeit lebten und arbeiteten. Weiter geht es zu Heinrich Vogelers damaligem Wohnhaus, dem „Barkenhoff“, das Anfang der 1900er Jahre zum Mittelpunkt der künstlerischen Bewegung wurde. Ich lese etwas über Paula Modersohn-Becker, über die gerade auch der Film „Paula“ im Kino läuft und erfahre, dass auch Rainer-Maria Rilke früher zu der Künstlerkolonie in dieser Gegend gehörte. Ich muss an dieser Stelle zugeben, dass ich völlig unvorbereitet in diese 4-Tagestour gegangen bin und deshalb alles erst vor Ort erfahre.

Wir fahren weiter nach Fischerhude. Denn hier gibt es das Café im Rilke-Haus, das meine Schwester noch von einem vorherigen Besuch kennt. Dieses verwinkelte und gemütliche Haus war einst das Wohnhaus und Atelier von Rilkes Frau Clara Rilke-Westhoff. Der Chef lässt uns angesichts eines plötzlich einsetzenden Hagelschauers mal eben durch die Küche ins Café huschen. Mit wunderschönem Ausblick genießen wir mal wieder Kaffee und Kuchen. Alles selbstgemacht, alles so lecker, dass wir uns noch ein zweites Stückchen teilen müssen 😉

Leider gehen vier Tage viel zu schnell rum, zumal es bei Schwestern, die zwar oft telefonieren, sich aber viel zu selten sehen, eine ganze Menge zu besprechen gibt. Vielleicht noch als absoluter Tipp (kein geheimer, aber ein wirklich lohnenswerter) für ein unvergessliches Abendessen und tollem Ambiente: Der Worpsweder Bahnhof. Wir sitzen an einem Tisch mit Blick auf ein ehemaliges, stilvoll umgestaltetes Schalterfenster. So sind viele der „Bahnhofsteile“ in das Restaurant integriert und verleihen diesem einen ganz besonderen Charme. Geschmackvoll eingerichtet, außergewöhnliche Weine und sehr feine Speisen lassen zumindest uns ins Schwärmen geraten.

Mein Fazit: Eine fantastische Unterkunft, herrliche Landschaft, köstlichste Leckereien und viele Parallelwelt-Hasen!

2 Gedanken zu „Schwesterntour in die Worpsweder Parallelwelt

  1. Oh, das klingt alles sehr toll! Worpswede steht auch noch auf meiner Liste. Und danke Deiner Reise weiß ich schon, wo ich übernachte und wo ich Kuchen essen gehen werde. 🙂

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