Ein bisschen Tibet in Frankfurt und zwei weinende Augen

Frankfurt und Tibet

Knapp ein Jahr ist es her, dass ich meine Prüfung zur Lu-Jong-Lehrerin abgelegt habe. Viel ist passiert in der Zwischenzeit. Ich habe einen Kurs, den ich regelmäßig gebe und auch schon einige Worshops beim Kobi geleitet. Da Lu Jong sehr eng mit tibetischer Medizin zusammenhängt, ist es mein Wunsch, auch hier etwas tiefer in die Materie einzusteigen. Der Anfang ist gemacht. „Traditionelle tibetische Medizin. Über Tools, um Körper, Geist und Emotionen auszugleichen“, lautet der Titel des Intensivworkshops mit dem tibetischen Arzt Dr. Namgyal Phunrab im Frankfurter Tibethaus.

Früh morgens mache ich mich auf den Weg von Dortmund nach Frankfurt, um möglichst pünktlich da zu sein. Bin ich. Sogar zu früh. Aber das ist gar kein Problem, denn die verbleibende Zeit verbringe ich bei einem köstlichen Café Crema und einem Obstsalat im Café Crumble. Den Crumble selbst koste ich dann einen Tag später im Innenhof. Lohnt sich sehr!

Ich habe ein “busy mind”!

Doch zurück zum eigentlichen Anlass meines Frankfurt-Aufenthaltes. Der Kurs ist mit 12 Menschen fein klein, sodass für Fragen immer genug Zeit bleibt. Und diese beantwortet Dr. Namgyal Phunrab, der erst Botanik und dann Medizin unter anderem bei Dr. Tenzin Choedra, dem Leibarzt des Dalai Lama in Dharamsala studierte, alle sehr geduldig. Dass es, ähnlich wie in der ayurvedischen Gesundheitslehre, drei Typen gibt, wusste ich schon. Aber welche Eigenschaften Lung (Wind), Tripa (Galle) und Beken (Schleim) im Detail haben, anhand welcher Merkmale und auch Verhaltensweisen man Menschen einordnen kann und vor allem auch, was man durch die Ernährung und Kum Nye (tibetische Heilmassage) dagegen tun kann, lerne ich erst in Frankfurt.

Ich zum Beispiel bin der „Lung“-Typ. Habe ein „busy mind“, wie der Doc so schön sagt, und mache oft viele Dinge parallel. Aber natürlich gehört noch viel mehr dazu. Jedenfalls sollen Menschen wie ich unter anderem auf grüne Paprika, Gurke und Kartoffeln verzichten, aber viel Brokkoli, Möhren und Spinat essen. Und morgens und abends warm. Ich lerne, dass bei Nackenschmerzen eine Massage hilft, für die man Muskatpulver in ein Tuch füllt, dieses in warmes Sesamöl tunkt und anschließend damit die schmerzenden Körperstellen behandelt. Wir machen eine Gehmeditation und Lu Jong Übungen aus einer anderen Tradition als der, die ich bisher kannte, und bekommen eine kurze Einführung in Kum Nye. Gespannt lausche ich Dr. Namgyal Phunrabs Berichten über Zungen- und Pulsdiagnose und seinen Erfahrungen als Arzt.

Köstlicher Kaffe und tolle Cafés zwischen Frankfurt und Tibet

In der freien Zeit erkunde ich Bockenheim. Denn hier befindet sich nicht nur das Tibethaus, sondern auch jede Menge schöner Cafés, ein tibestisches Restaurant und kleine Geschäfte, die zum Einkaufen verlocken. Ein paar Tipps an dieser Stelle. Der Kaffee und auch der Kuchen in der Kaffeerösterei Wissmüller sind der Brüller, bei Sonnenschein bestens im Hof zu genießen. Das Cafe Berry überrascht mit einem Moccachino mit schwarzem Pfeffer, der auf meinen Wunsch kurz in einen Cappuccino mit schwarzem Pfeffer umgewandelt wird und schön scharf daherkommt. Nicht zu vergessen, das Café Albatros, das nicht nur feine Speisen hat, sondern auch einen Biergarten, in dem es sich mehr als ein Stündchen aushalten lässt. Im Brühmarkt bekommt man hervorragenden Kaffee, hausgemachte Zitronen-Ingwer-Limo und Macarons. Die brauche ich dringend, bevor ich mich wieder auf den Heimweg mache, denn der Sonntag, der eigentlich mit einem entspannten 2-stündigen Kurs-Abschluss lockte, wird für mich zum absoluten Albtraum. Doch dazu gleich.

Den Kurs in Frankfurt hatte ich lange gebucht, deshalb hatte ich dabei auch nicht den Termin für das DFB-Pokalfinale im Kopf. Nun bin ich ausgerechnet an diesem Tag in der „Stadt des Gegners“. Ich treffe mich am Abend mit einer Freundin und schleiche mich inkognito ins Restaurant „Drosselbart“ in Eschersheim. Bei einem Hugo Rosé mit Himbeeren genießen wir die Zeit vor dem Anpfiff im lauschigen und bis auf den letzten Platz besetzten Biergarten. Beim Spiel selbst gelingt es mir noch, meine Freude zu unterdrücken, nach dem Schlusspfiff entweicht mir dann doch ein Mini-Jubel. Böse Blicke treffen mich. Macht aber nichts, denn der BVB hat gewonnen und rundet einen perfekten Tag ab.

 

Der Schock sitzt tief!

Am Sonntag dann sitze ich nach einer Runde durch die Gegend voller Blumen und Natur gemütlich auf dem Balkon und mache schon Pläne und für den Pokalfeier-Abend in Dortmund, als mich ein Anruf meiner Schwester erreicht. Meine in München lebende Tante ist in Aschau beim Wandern über 100 Meter in die Tiefe gestürzt und dabei ums Leben gekommen. Dass ich zutiefst geschockt bin, muss ich nicht erwähnen. Soll ich sofort nach Dortmund fahren? Oder direkt nach München? Was tun? Ich habe das Gefühl, dass ich trotz der schlimmen Nachricht ins Tibethaus fahren sollte und tue das. Und das ist, wie sich herausstellt, genau die richtige Entscheidung. Dr. Namgyal Phunrab schenkt mir vor dem Kurs ein paar Minuten Zeit und gibt mir mit seinen warmen Worten genau das, was ich in dem Moment brauche, um anschließend die Kraft zu haben, mich um die Trauer meiner Mutter zu kümmern, die auf so tragische Weise ihre Schwester verloren hat. Auch von anderen, mir bis dahin fremden Menschen, erfahre ich so viel Mitgefühl, dass ich einfach nur dankbar sein kann.

Ich verlasse Frankfurt mit zwei weinenden Augen, aber ich bin froh, dass mich die Todesmeldung genau dort und genau zu diesem Zeitpunkt ereilte. Ich komme wieder. Ganz sicher. Ins Tibethaus. Und in das nächste Seminar von Dr. Namgyal Phunrab.

 

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