Globale Ethik … oder kann Achtsamkeit die Welt retten?

Dalai Lama, Hamburg 2014

Der Begriff wird in letzter Zeit oft fast schon inflationär gebraucht, überstrapaziert und oft auch in falschen Zusammenhängen. Aber ich habe lange gegoogelt und gesucht. Es findet sich irgendwie kein anderer, der das, was wir alle so dringend mehr benötigen, besser beschreibt. Also bleibe ich jetzt bei der Achtsamkeit. “Wir brauchen eine globale Ethik”, fordert der Dalai Lama. Und genau zu diesem Thema gibt es jetzt anlässlich seines Besuches in Frankfurt eine Blogparade des Netzwerks “Ethik heute”. Aber was muss passieren, damit diese globale Ethik entstehen und wachsen kann und sich ganz natürlich verbreitet? Wäre es nicht schön, wenn es irgendwann gar nicht mehr um Begrifflichkeiten ginge, sondern um etwas, das Menschen auf der ganzen Welt so verinnerlicht haben und natürlich leben, dass sich niemand mehr darum ernsthafte Sorgen machen müsste? Utopie? Niemals machbar? Wer weiß. Sicher wird dies nicht kurzfristig geschehen, gar ein Projekt sein, sondern ich glaube, dass es vieler kleinerer und größerer Bausteine bedarf, um “die Menschheit wieder auf Spur” zu bringen.

“FaireKita” fördert “Globales Lernen”

Und es gibt sie schon, die Initiativen und Projekte, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, eben diese Achtsamkeit, Nachhaltigkeit und Vertrauen zu fördern und anderen vorzuleben. So fällt mir zum Beispiel dazu sofort das Projekt “FaireKita” ein. Vor ein paar Tagen habe ich ein Gespräch mit der Projektleiterin Jasmin Geisler geführt. Aber was ist eine „FaireKita“? Es ist eine Kita, in der „Globales Lernen“ zum Alltag der Kinder gehört. Es hilft den Kindern, unsere Welt als Eine Welt zu verstehen. Schon die Kleinen lernen zum Beispiel, mit Vielfalt respektvoll umzugehen und werden vorbereitet für ein Leben in der globalisierten Welt. FaireKitas benutzen mindestens zwei faire Produkte, haben ein FairesTeam im Einsatz, leisten Öffentlichkeitsarbeit und vor allem Bildungsarbeit. Es werden Projekte durchgeführt, in dem sich die Kids mit dem Leben von Kindern in anderen Ländern auseinandersetzen, den fairen und eben auch achtsamen Umgang miteinander lernen und vermittelt bekommen, nachhaltig mit Ressourcen umzugehen. So wird zum Beispiel die Reise der Orange bis nach Deutschland nachgebildet, der Weg eines T-Shirts nachverfolgt, oder sogar ein Bananenspiel gebastelt, in dem es natürlich auch um faire Bedingungen und fairen Handel geht. Jeweils für drei Jahre werden die einzelnen Kitas zertifiziert, bevor sie erneut ihre Qualifikation als „FaireKita“ unter Beweis stellen müssen. Spannend daran ist, dass es die Kitas selbst waren, die auf das Netzwerk Faire Metropole Ruhr zugegangen sind und gefragt haben, warum es, wenn es schon Fair Schools und Fair Universities gibt, keine FaireKita gäbe. Gemeinsam wurde ein Konzept entwickelt, das seit 2013 offiziell in einem eigenen Projekt umgesetzt wird. 104 Kitas in ganz Deutschland sind inzwischen fair. „Kinder gestalten die Zukunft. Deshalb ist es so wichtig, sie vorzubereiten und zu sensibilisieren, damit sie später achtsame und nachhaltige Entscheidungen treffen“, sagt Jasmin Geisler. Und es macht Spaß ihr zuzuhören und die Begeisterung für ihr tolle Arbeit zu spüren.

Achtsame Nutzung neuer Medien als Unterrichtsfach?

Und dann gibt es noch einen anderen Aspekt, der mir bei dem Stichwort „Globale Ethik“ sehr am Herzen liegt. Nämlich die Verknüpfung von neuen Medien und dem frühen Erlernen von Medienkompetenz. Täglich wandern zigtausend Hasskommentare durchs Netz. Und das bitte nicht falsch verstehen. Das wird jetzt kein Gejammere, wie schlecht die sozialen Netzwerke sind. Ich selbst arbeite täglich damit und nutze die fantastischen, positiven Möglichkeiten, die diese Plattformen bieten. Aber wer hat uns eigentlich gesagt, wie wir damit umgehen sollten? Keiner? Richtig. Aber das war ja schließlich bei der Einführung von Radio und Fernsehen auch nicht so. Obwohl es an der ein oder anderen Stelle vielleicht sogar sinnvoll gewesen wäre. Bei den neuen Techniken kommt der Aspekt der Interaktivität hinzu. Ich erinnere mich noch sehr gut an böse Leserbriefe von vor einigen Jahren. Aber die, die zu verletzend waren, haben wir dann halt aussortiert und nicht abgedruck. Aber mal ehrlich. Es sind ja auch nicht die Medien, die Hass produzieren, sondern die Menschen. Auch wenn Erstere sich so viel besser und bequemer als Sündenbock eignen. Und, zumindest scheint es so, als dächten viele Menschen gar nicht darüber nach, was sie mit ihren Einträgen anrichten. Sie verbreiten Hass und Wut und fühlen sich in ihrer vermeintlichen Anonymität sicher. In der Face-to-Face-Konfrontation wären sie vermutlich in 90 Prozent der Fälle viel zu feige, ihre Ansichten zu äußern. Auch hier gilt meiner Meinung nach: Je früher, desto besser. Warum also nicht ein Schulfach einführen, das Achtsamkeit und Medienkompetenz kombiniert und vielleicht sogar noch eine kurze tägliche Meditation einbaut? Einen Unterricht, in dem der Umgang mit sozialen Netzwerken gelehrt wird. Und zwar so, dass es den Kids von Beginn an in Herz und Blut übergeht. Was hat es für Folgen, wenn ich jemanden beschimpfe, wie fühlt es sich an, selbst beschimpft zu werden, welche Umgangs-Regeln wären hier sinnvoll?

Respektvoller Umgang als Selbstverständlichkeit

Dazu lassen sich die neuen Medien übrigens sogar auch ganz prima in den Unterricht einbinden und können so nicht nur den Kids, sondern auch den Lehrern Spaß machen und trotzdem zum sinnvollen Lernmedium werden. Methoden könnten entwickelt werden, die spielerisch einen respektvoller Umgang Wertschätzung und Vertrauen zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Natürlich habe auch ich noch kein Konzept dazu, das ich mal eben aus der Tasche zaubern könnte, finde aber die Idee, daran zu arbeiten extrem spannend. Übrigens ist durch verschiedene Studien sogar belegt, dass Achtsamkeit die Hirnstrukturen positiv verändern kann. Jetzt fällt mir doch noch ein Begriff ein, der sich zumindest an die Seite der Achtsamkeit reihen sollte – die Bewusstheit, dass all das, was ich tue, Konsequenzen hat. Bewusstsheitstraining, ja, so könnte man vielleicht auch sagen.

Und wenn ich so darüber schreibe und weiter nachdenke, dann glaube ich schon daran, dass mehr Achtsamkeit und Bewussheit die Welt zumindest ein bisschen besser machen könnten. Und zwar nicht durch abgehobene Theorien oder durch das Anbeten irgendeines Gottes. “Ich möchte innere Werte vermitteln durch Bildung, Vernunft und Erkenntnisse aus Erfahrungen, nicht durch religiösen Glauben“, sagt der Dalai Lama, der selbst seine erste Lebensaufgabe darin sieht, Menschen die Bedeutung innerer Werte wie Mitgefühl, Vertrauen und Verbundenheit zu vermitteln. Und dies wird er sicher auch bei seinem Besuch in Frankfurt tun.

Foto: Ute Korinth, beim Besuch des Dalai Lama in Hamburg, 2014

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.