Buddhistische Weisheiten in Grenoble

Karmapa in Grenoble

Es ist Dienstag, der 8. August. Es regnet in Strömen. So sehr, dass die höchste Stufe meines Scheibenwischers eigentlich gar nicht ausreicht. Dann habe ich mein Ziel endlich erreicht. Ein nettes Airbnb-Appartment, etwa 20 Minuten vom Zentrum Grenobles entfernt. Ich bin hundemüde, aber neugierig auf die Stadt, packe nur kurz aus, um dann die schönen kleinen Cafés und den Téléférique zu entdecken. Die Seilbahn mit den fünf kugeligen Kabinen packt mich irgendwie. Die sind einfach nur schön. Schon am nächsten Tag fahre ich damit hoch auf den Berg zur Bastille und laufe wieder hinunter in die Stadt. Vorbei an schönen Aussichten und uralten Gemäuern.

Am Abend mache ich noch einen Ausflug ins malerische Chambéry und schlendere dort ein bisschen herum, bevor ich am nächsten Tag dann zum eigentlichen Anlass meines Trips ins wunderschöne Grenoble komme. Dem Besuch von Thaye Dorje, dem 17. Karmapa – dem Oberhaupt der buddhistischen Karma Kagyu Linie. Fünf Tage lang wird er Belehrungen und Einweihungen in verschiedene buddhistische Praktiken geben. Und weil er eher selten in Europa unterwegs ist, spricht er nicht etwa in einem kleinen Saal, sondern in der Messehalle „Alpexpo“. Täglich sind es rund 2.000 Menschen, die ihm zuhören, darunter auch seine Frau Sangyumla und ihre Familie, die ihn erstmals bei seinen Teachings in Europa begleiten. Bestens organisiert wird die Veranstaltung übrigens vom buddhistischen Zentrum in Montchardon. Auf meinem Weg dorthin durch die Straßen luken immer wieder die hohen Berge hervor, die die Stadt umgeben. Eine Wahnsinns-Kulisse.

Auf das Tun kommt es an

Und dann geht es auch schon los. Was bedeutet es eigentlich, Zuflucht zu nehmen? Was heißt es, in die Klarheit zu kommen? Und wie fühlt sich echtes Mitgefühl an? Warum sind wir nie wirklich zufrieden? Auf all diese Fragen gibt Thaye Dorje Antworten.  Und das in so klaren Worten, dass es wunderbar einleuchtend klingt. Aber, was nützt das ganze Wissen, wenn ich es nicht umsetze? „More than the knowing is the doing“, sagt er. Ja, ja, und wie schwer ist es oft genug, den berühmten inneren Schweinehund zu überwinden und sich hinzusetzen und tatsächlich zu meditieren. Doch irgendwann, so seine Prognose, wird es in Fleisch und Blut übergehen und eine Praxis werden, die man nicht mehr als Aufgabe empfindet, sondern der man täglich mit Freude entgegensieht. „Meditation sollte irgendwann so natürlich werden wie der Herzschlag oder der Atem. Und zwar ohne Erwartungen. Schritt für Schritt“, sagt er und nimmt so zumindest mir eine Menge Druck, die ich mir mache, wenn ich es mal wieder nicht geschafft habe oder mich bei der Meditation erwische, wie ich in Gedanken einen Einkaufszettel schreibe.

Um mich herum sitzen Menschen verschiedenster Nationen in verschiedensten Altersgruppen. Die Halle ist festlich geschmückt, in den Pausen lässt es sich wunderbar in buddhistischer Literatur stöbern.  Aber zurück zum Gesagten. Also, warum sind wir oft so unglücklich und unzufrieden? „Weil alles was wir besitzen oder erleben bedingt und vergänglich ist. Alles ist nur vorübergehend, weshalb wir uns nicht darauf verlassen können“, sagt der 17. Karmpa und fügt ein wunderbares Bild hinzu: „Objects of desire are a little bit like licking honey from a razor’s edge!“  Er spricht von Wertschätzung, Achtsamkeit und Liebe und betont, wie wichtig es ist, diese Eigenschaften gegenüber sich selbst und anderen Menschen zu entwickeln. Denn eigentlich, so betont er,  sind wir alle nur auf der Suche nach Glück und Zufriedenheit. Er hebt die Wichtigkeit der Kommunikation und des gegenseitigen Respekts hervor und appeliert an uns, Mitgefühl zu praktizieren. Vieles, von dem, was der Karmapa sagt, habe ich schon mal gelesen oder in anderen Worten gehört. Aber zumindest für mich ist es etwas anderes, dies nochmal von einem hohen Praktizierenden zu hören. Das geht viel tiefer und verwurzelt sich leichter. Natürlich weiß ich aber, dass nur ich selbst gefragt bin, wenn es darum geht, das Gesagte auch umzustzen. Da ist es wieder, dieses „Doing-Ding“ 😉

Wunderschönes Annecy

Fünf Tage geballter Input, den ich wohl erst in den nächsten Wochen nach und nach sacken lassen muss. Einen Tag gönne ich mir dann noch im wunderschönen Annecy. Ein Tipp für alle, die vorhaben, dieses tolle Städtchen zu besuchen: Möglichst früh an einem Sonntagmorgen hinfahren, wenn Markttag ist. Dann ziehen sich Stände mit Nougat, Taschen, Obst, Gemüse und vielen weiteren duftenden und leuchtenden Dingen durch die ganze Stadt. Über Brücken, vorbei an den Lokalen am Fluss. Ich biege ab und lande im niedlichen Cafe Bunna, wo es grandios-leckeren Flat White gibt. Danach gönne ich mir eine kleine Schiffahrt auf dem Lac D’Annecy, diverse kleinere und größere süße Köstlichkeiten, besorge ein paar Mitbringsel  und fahre zufrieden zurück nach Grenoble, wo ich den letzten Abend bei Cidre und Käse auf meinem kleinen Balkon genieße. In Gedanken bin ich bei den Worten des Karmapa und fange an, das „Knowing“ endlich ins „Doing“ umzusetzen…

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