Vom Winde verweht auf Wangerooge… oder Pärchenurlaub mit Xavier

Wangerooge 2017

So viel kann ich mit Sicherheit sagen: Eine wahre Liebe wird das zwischen Xavier und mir wohl nicht mehr. Dafür sind wir zu verschieden. Obwohl. Stürmisch, unberechenbar,… 😉

Vor gut einer Woche machte ich mich auf den Weg in Richtung Harlesiel, denn von dort aus fährt die Fähre auf die kleine Insel Wangerooge. Eigentlich habe ich die Fähre um 10:40 angepeilt, aber dank freier Straßen bin ich ein wenig eher am Anleger, kaufe schnell eine Fahrkarte, parke mein Auto auf dem Matschparkplatz ein paar Meter entfernt, eile zurück, gebe meinen Koffer ab und erwische noch die Fähre um 9.30 Uhr. Zum Glück. Denn wie sich später herausstellen soll, fährt an diesem Tag keine weitere Fähre mehr. Xavier sei Dank. Denn er und ich kommen quasi exakt zeitgleich auf der Insel an.

Meine Mission: Als Bloggerin für DJH Jugendherbergen zwischen Nordsee und Sauerland in der Jugendherberge auf Wangerooge wohnen, die Insel erkunden und darüber schreiben. Auf der Insel angekommen bin ich die einzige Reisende, deren Koffer nur bis zum Westanleger geliefert wurde. Diesen Wunsch sollte man unbedingt äußern, wenn man sich einen großen Umweg zur Jugendherberge ersparen möchte. Alle anderen Koffer werden mit dem Inselbähnchen an ihre Bestimmungsorte transportiert. Also warte ich geduldig auf mein Gepäck und kämpfe mich dann durch Sturm Xavier und fiesen Regen von allen Seiten über den eigentlich nur 10 Minuten dauernden Weg zur Jugendherberge am Westturm und bin das erste Mal nass bis auf die Haut.

Sehr nett werde ich empfangen und kann sogar schon in mein Zimmer im Haupthaus und erstmal unter die warme Dusche. In den letzten Jahren hat sich viel getan, was den Standard von Jugendherbergen angeht. Mein Zimmer hat Dusche und WC getrennt, einen kleinen Balkon mit Strandblick, ein Tischchen zum Arbeiten und ist schön hell. Nach einer kurzen Pause mache ich mich, eingepackt in Regenhose, Regenstiefel und Regenmantel auf den Weg in Richtung Ort. Nicht ahnend, dass dieses Outfit in den vier Tagen wetterbedingt mein fast einziges Outfit bleiben wird. Über den Deich kämpfe ich mich Meter für Meter vor. Es ist mühsam, weil Xavier pustet, was das Zeug hält, und sogar diverse Menschen einfach mit seinen Böen vom Rad weht. Die letzten Meter gehe ich am Strand entlang und bin geflasht vom Naturschauspiel. Plötzlich tauchen an allen Ecken Regenbögen auf. Einer bunter und schöner als der andere. Kurz schlendere ich durch den Ort, erstehe ein bisschen Obst und Tee und lande in der Inselbuchhandlung Schröder, in der ich den Wangerooge-Krimi „Mord in den Dünen“ von Christiane Franke erstehe. Hier lässt es sich übrigens wunderbar stöbern durch Bücher und allerlei schöne Kleinigkeiten. Aber Vorsicht: Die Kaufgefahr ist riesig 😉

Da ich recht unvorbereitet auf die Insel gefahren bin, schaue ich einfach nach einem schön aussehenden Kaffee und lande im Friesenjung an der Strandpromenade.  Setze mich auf eine gemütliche Couch mit Blick auf den Strand, trinke einen Matcha-Latte, trockne wieder (ja, dieser Sturm-Regen-Mix geht irgendwie sogar durch mein Regen-Outfit), genieße einen noch warmen Apfelkuchen und komme erstmal richtig an. Ich google und sehe etwas entsetzt, was Xavier im Norden bereits alles angerichtet hat, versuche aber, mich davon nicht entmutigen zu lassen. Ich google mich weiter durch die Wangerooge-Seiten und mache kleinere Pläne für die nächsten Tage, schaue nach Cafés und mache mich dann wieder auf den im Normalfall rund 45-minütigen Fußweg Richtung Westturm. Der Sturm ist noch etwas schlimmer geworden. Zwischendurch wird mir ein bisschen Angst, weil ich mich kaum noch auf den Beinen halten kann, aber nach anderthalb Stunden komme ich schließlich wieder in der Jugendherberge an. Fast schon pünktlich zum Abendessen.

Und auch das hat sich grundlegend geändert, seit ich als Jugendliche das letzte Mal in einer Jugendherberge war. Nein, es gibt nicht nur Früchtetee, sondern auch andere, leckere Teesorten. Ich habe bei meiner Ankunft Veggie-Kärtchen bekommen, um vegetarisches Essen genießen zu können. Heute ist aber sowieso Veggie-Tag. Es gibt Pasta mit vegetarischer Bolognese und frischem Parmesan und noch diverse andere Sorten und Soßen. Dazu ein Salatbüffet und zum Nachtisch Schokopudding. Sehr lecker. An der Wand entdecke ich sogar ein Hinweisplakat, dass hier Tee, Kaffee, Honig, Reis und Nudeln in Bio-Qualität verwendet werden. In einem späteren Gespräch erfahre ich, dass dies eine Initiative der #DJHNW ist. Finde ich großartig und falle nach dem langen Tag, noch ein paar Seiten in meinem Inselkrimi schmökernd, totmüde ins bequeme Bett. Viel weiter als bis zum Verschwinden der Hauptperson komme ich nicht.

Am nächsten Morgen treffe ich schon vor dem Frühstück zufällig Hausmeister Wolfgang Schlechta, der auch den Fahrradverleih betreibt. Schnell sichere ich mir ein Rad für die nächsten Tage (für günstige 5 Euro pro Tag) und freue mich darauf, mit meinem türkisen, fahrbaren Untersatz die Insel zu erkunden. Praktisch, dass ich nicht noch irgendwohin laufen muss, sondern das Rad gleich vor Ort habe. Wolfgang Schlechta, so erzählt mir ein Gast, war viele Jahre Stammgast in der Jungendherberge und hat sich irgendwann dazu entschlossen, komplett auf die Insel zu ziehen, um hier Hausmeister zu werden.

Jetzt erstmal Frühstück. Ein schönes Büffet erwartet mich. Mit frischen Brötchen und Brot, Nutella, Käse, vegetarischen Aufstrichen. Einen Unterschied zu einem Hotel-Frühstück gibt es für mich nicht. An der Rezeption kann ich mir dann eine Steckdosenleiste leihen, um technisches Equipment zu leihen und auf dem Zimmer ein wenig arbeiten zu können. Kurz kämpfe ich mit den Sicherheitssteckdosen, aber nur ganz kurz… Gegen Mittag radle ich in den Ort. Oder sagen wir, ich versuche es und gebe auf, als mich eine Böe schon nach wenigen Metern selbst vom Rad fegt. Ich schiebe weiter. Die Landschaft ist wunderschön, überall steht gerade reifer Sanddorn, aber ich sehe kaum etwas, weil mir der Regen ständig ins Gesicht bläst.

Einmal Wangerooge-Massage, bitte!

Mein Weg führt mich zur Oase. Dem Erlebnisbad mit Thalasso-Anwendungen und Massagen an der Strandpromenade. Ich habe Glück und kann eine Massage bekommen, obwohl ich vorher nicht gebucht hatte (sollte man aber lieber tun). 60 Minuten Wohlfühlmassage und ein nettes Gespräch über die Insel tun sowas von gut. Durchgewärmt und entspannt suche ich nun auf Empfehlung das Café Famoos in der Robbenstraße. Sehr witzig, denn schon wenn man in die Straße einbiegt, kann man die Ampel sehen, die vor dem Café steht. Zeigt sie Grün, ist geöffnet, bei Rot ist das Café geschlossen. Ich habe Glück. Und finde sogar noch einen Platz an einem der beiden Tische. Es ist klein, es ist niedlich, es ist bunt dekoriert… und so lecker. Der Cappuccino ist toll und ebenso der Käsekuchen. Die Atmosphäre ist gemütlich, entspannt und gar nicht inseltrubelig.

Es ist 16 Uhr. Im Inselkino läuft der Film „Monsieur Pierre geht online“. Witzig, denke ich, passt irgendwie zu meinem Auftrag hier. Und bei dem Wetter genau das Richtige. Um 16.05 Uhr bin ich im Kino und möchte eine Eintrittskarte kaufen. Geht aber nicht, denn der Filmvorführer ist gleichzeitig der Kartenverkäufer und der Saal ist verschlossen. Ungläubig stehe ich einige Sekunden da, frage nebenan im Hotel nach, ob mich noch einer reinlassen könnte, ernte verständnislose Blicke und trete dann leicht irritiert den Rückzug an. Ok…

Dieser Umstand wiederum lässt mich umplanen und ich steige kurzentschlossen die 149 Stufen hinauf auf die Plattform des alten Leuchtturms, der in der Nähe des Bahnhofs steht und von 1856 bis 1969 als Wegweiser für die Schifffahrt diente. Heute hat man bei gutem Wetter (!) einen grandiosen Ausblick über die Insel, kann sich im Museum im unteren Teil über die Geschichte Wangerooges informieren und sich sogar das Ja-Wort geben. Denn seit dem 15. März 1996 können sich Paare hier trauen lassen. Zwar kann ich nur ahnen, wie schön die Aussicht sein kann, aber dort oben zu stehen und das Meer toben zu sehen, ist auch ziemlich beeindruckend.

Ich schiebradle zurück zur Jugendherberge, den historischen Westturm als Ziel immer im Blick. Übrigens gibt es auch Jugendherbergszimmer im Turm. Mit toller Aussicht und quasi historischem Wohnen. Wieder brauche ich eine gefühlte Ewigkeit, bis ich zurück bin. Im Eingangsbereich sitzen Kids und spielen, ein paar Eltern nutzen das WLAN in diesem Bereich, um Mails zu schreiben, im Tagungsraum geht gerade eine Veranstaltung zu Ende. Heute gibt es für mich zum Abendessen gefüllte Kartoffeltaschen, Rotkohl und Gemüsebratlinge. Echt lecker. Am nächsten Morgen werde ich auf den Westturm steigen, nehme ich mir vor.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, traue ich meinen Augen kaum. Die Sonne geht auf. Ja, die Sonne! Das macht Lust auf einen Spaziergang um die Ostspitze der Insel. Denn die kann man komplett am Strand umrunden, habe ich bei der Massage erfahren. Aber erst Frühstück, Lunchpaket als Mittagessen packen und dann auf den Westturm. Der Westturm ist das Wahrzeichen der Insel, 56 Meter und sieben Stockwerke hoch. Obwohl, eigentlich sind es acht, denn wer sich einen Schlüssel leiht, darf noch ein paar Treppen höher klettern, um in einen Miniraum direkt in der Turmspitze zu gelangen, von wo aus ein herrlicher Rundblick möglich ist. Anschließend radle ich tatsächlich bis zum Cafe Neudeich. Zwischendurch kommt mir immer mal wieder eines der lustigen Elektrofahrzeuge entgegen, die Dinge kreuz und quer über die Insel transportieren. Denn Wangerooge ist autofrei. Und das ist super entspannt. Ich stelle mein Rad ab, trinke einen Tee und starte den Rundgang um die Ostspitze.

Es ist noch früh, daher sind nicht so viele Menschen unterwegs. Ein riesig breiter, glitzernder Strand, leise plätscherndes Wasser, eine Robbe, die kurz am Strand vorbeischaut, dann aber schnell wieder im Wasser verschwindet, Muscheln und herrliche Luft. Hier und da mal ein Schiff, das entspannt vorbeigleitet. Da das Wasser relativ weit zurück ist, laufe ich eine große Runde nah am Wasser entlang. Zwischendurch setze ich mich an die Dünen und genieße ein paar Momente die wohltuenden Sonnenstrahlen. So fühlt sich Urlaub an. Xavier ist zwar noch ein wenig vorhanden, zieht sich aber mehr und mehr zurück. Ein herrlicher Morgen.

Zurück im Ort führt mein Weg ins berühmte Café Pudding. Das große Rondell am Ende der Hauptstraße ist nicht zu übersehen und bekannt für die tolle Sicht und fantastischen Kuchen. Seit dem 4. Juni 1949 schlemmen hier Touristen und Inselbewohner. Ich kann mich gar nicht entscheiden. Käsekuchen, Schokotorte, Himbeertarte. Ich nehme ein Stück Whisky-Torte, einen Kaffee und einen warmen Sand. Warmer Sand ist ein kleines Gläschen Sanddornlikör, der heiß gemacht und mit Sahne serviert wird. Köstlichst. Beides – die Torte und der Likör.

Nach diesem Genuss schlendere ich zum Rosenhaus, um mir nicht nur die Ausstellung über das Wattenmeer und seine tierischen Bewohner anzuschauen, sondern auch das das Skelett des Anfang 2016 auf der Insel gestrandeten Pottwals im Vorgarten anzuschauen. Ganz schön riesig und ziemlich tragisch, wie das Leben dieses gigantischen Meerestieres endete.

Auf dem Rückweg über die Strandpromenade komme ich am Perlenmeer vorbei. Hier kann man nicht nur Perlen kaufen, sondern sich auch selbst eine Kette oder ein Armband basteln. Eigentlich bastle ich nie, bin aber irgendwie begeistert und fange doch an. Am Ende halte ich eine superschöne, individuelle Kette in der Hand und freue mich über mein neues Schmuckstück. Eine echt schöne Idee. Gerade auch vor Weihnachten bestens geeignet, um persönliche Geschenke zu basteln.

Heute, so nehme ich mir vor, verzichte ich auf das Abendessen, weil ich unbedingt die wärmstens empfohlenen Fisch-Köstlichkeiten vom Fischgeschäft Kruse testen möchte. Die Scholle ist tatsächlich der Hammer. Am liebsten würde ich alles probieren, aber bis auf eine zusätzliche Lachsfischfrikadelle schaffe ich nichts mehr. Gönne mir nur noch ein halbes Stündchen Meerblick im Diggers mit einem Gläschen Sanddornlikör, der eigentlich Andalö heißt.

Mein letzter Tag beginnt mit einer kurzen Arbeits-Kaffee-Session im Café Westturm, ein paar Meter von der Jugendherberge entfernt. Während ich leckeren Cappuccino trinke, wird in der Küche schon für den Nachmittag gewerkelt. Es duftet herrlich nach frischem Apfelkuchen. Aber da ich gerade erst gefrühstückt habe, denke ich gar nicht erst über den Kuchen nach…

Das Wetter ist trocken, sodass ich nach dem Kofferpacken nochmal aufs Rad steige und in den Ort radle. Auf dem Weg dorthin fällt mir ein, dass mir ein netter Inselbewohner noch den Kuchen bei Jan Seedorf wärmstens ans Herz gelegt hatte. Ich habe Glück, erwische eine Wolkenlücke, einen Platz auf dem Schaukelsessel und genieße warmen Apfelstrudel mit Vanilleeis. So gut! Danach noch schnell Fisch zum Mitnehmen kaufen und schon ziehen wieder fiese Regenwolken auf. Ich entscheide mich kurzfristig um und nehme eine frühere Fähre. Wieder ziehe ich mein Köfferchen bei Wind und Wetter den schlängeligen Weg entlang zum Anleger. Ein letzter Blick auf das Inselmotto „Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt„. Die Fähre ist rappelvoll, läuft zwischendurch auf Grund (!), fährt aber nach 30 Minuten zum Glück weiter.

Das Fazit meiner kleinen Bloggerreise: Eine superschöne Insel mit netten Cafés, grandiosen Stränden, wunderschöner Dünenlandschaft und feinen Menschen. Genau richtig, um den Kopf frei zu bekommen und eine Auszeit zu nehmen. Klar hatte ich dieses Mal totales Pech mit dem Wetter, aber ich bni sicher, ich komme wieder. Und die Jugendherberge Wangerooge kann ich auch nur empfehlen. Der Ausgangspunkt ist klasse, ein wenig abseits vom Ort, der Westturm ist toll, das Essen gut und die Zimmer mit Balkon im Haupthaus auf jeden Fall empfehlenswert. Ich habe eine liebenswerte Insel kennengelernt und die Erfahrung gewonnen, dass Jugendherbergen heute eine tolle Alternative zum Hotel sein können – sowohl, was den Service, als auch, was die Unterbringung angeht.

 

 

 

2 Gedanken zu „Vom Winde verweht auf Wangerooge… oder Pärchenurlaub mit Xavier

  1. Oh je, da hast Du aber wirklich Pech mit dem Wetter gehabt. Aber immerhin hattest Du noch einen Sonnentag. Und trotz des Wetters klingt Dein Aufenthalt dort wunderbar. Auf Wangerooge war ich noch nie. Und Du hast Recht, auf den Inseln kann man prima abschalten. Ich werde mal die Jugendherberge googlen. 🙂
    Liebe Grüße und vielen Dank für den schönen Einblick!

    1. Vielen Dank, liebe Maike. Ja, es war auch wirklich schön, obwohl ich zwischendurch keinen Wind und Regen mehr sehen wollte. Und ein Aufenthalt in der Jugendherberge ist perfekt, um die Insel zu erkunden. Lieben Gruß, Ute

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