Unterirdische Angie und Hamburger Rockstars

Ich sitze gerade am Frankfurter Flughafen und warte auf meinen Flug nach Doha, von wo aus ich dann weiter nach Bali fliegen werde. Ein bisschen Zeit, um schon mal damit zu beginnen, die Ereignisse der letzten Tage niederzuschreiben. Tja, und so kann es gehen. Nun habe ich drei Tage nichts geschrieben, sitze in einem lauschigen Café und genieße diese tolle Insel. Trotzdem werde ich nun keineswegs über meine Urlaubstage schreiben, sondern erstmal diesen Artikel über meine Zeit davor verfassen. Also zurück zum Beginn. Beginn heißt in diesem Fall eine dreitägige Pressereise nach Berlin. Mein Glück und auch das einiger andere Menschen: Eine andere Gruppe hatte abgesagt, sodass plötzlich ein paar Plätze frei wurden. Ich gehe davon aus, dass ich mit ein paar Social Media Menschen gemeinsam reise. Tue ich auch, aber auch mit einer weiteren Gruppe Polizisten und eines SPD-Ortsvereins aus Dortmund. Nicht schlimm, aber zwischendurch etwas speziell.

Eine Reise, die ist lustig

Nach der Zugfahrt, einem Essen im lustig-skurrilen italienischen Restaurant Gianni, in dem irgendwann in den 70ern die Zeit stehen geblieben zu sein scheint, einer Stadtrundfahrt und dem Check In im Hotel Park Plaza Berlin ziehen ein paar von uns allein los. Unser Weg führt über einen kurzen Gottesdienst in der Gedächtniskirche direkt ins Bikini Berlin. Hier gibt es nicht etwa die passende Bekleidung für meinen Bali-Urlaub. Das Bikini Berlin befindet sich in einem denkmalgeschützten Gebäudekomplexe am Zoo. Es bezeichnet sich selbst als „urbane Oase in mitten der Stadt, ein Urban Hub und Social Universe!“. Viele kleine Spaces und Geschäftchen locken mit Designer-Angeboten und sind weit entfernt vom sonst so üblichen Mainstream. Erfrischend anders und schön, Berlin halt. Zudem gibt es gerade eine Bansky-Ausstellung, die wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Ich liebe diese Ratte und den Fakt, dass immer noch niemand so genau weiß, wer sich hinter diesem genialen Künstler verbirgt.

Hot Dog vom Sternekoch

Der Hunger führt uns ins Hot Dog Restaurant „Dawg“. kreiert Sternekoch Björn Swanson die Speisen. Für mich an diesem Abend in vegetarischer Version. Was soll ich sagen? Richtig fein. Ein Absacker muss sein. Wir fahren mit dem Aufzug in die Monkey Bar im 25hours Hotel. Der Blick über den Zoo ist in der Dunkelheit zwar weniger tierisch, aber dennoch spektakulär und die Drinks allemal einen Besuch wert. Aber Achtung: Es ist rappelvoll, sogar an einem normalen Montagabend.

Doch bei einer politischen Bildungsreise geht es natürlich nicht nur um Spaß. Der nächste Tag führt uns ins Innen-  und jetzt auch Heimatministerium. Die Schilder sind noch nicht ausgewechselt, zu frisch ist alles. Die Kontrolle dafür ist umso schärfer. Wir sehen und hören Zahlen und Fakten – eine ziemlich lange Folienpräsentation. Für Horst Seehofer sind noch zwei nackte Nägel in der Wand. Das Bild muss erst noch aufgehängt werden. Danach wird es echt ostalgisch. Wir speisen im Pietschmanns in Alt-Hohenschönhausen. Auch hier hat offenbar vor vielen Jahren die Zeit aufgehört, weiter zu laufen, aber anders. Auf der Toilette weist ein Schild auf das Einläuten der Grillsaison hin. „Knospen knallen“ heißt der Titel, der eher an einen billigen Porno erinnert. Auch das Innere des Restaurants und das Personal wirken wie aus einer anderen Zeit und  lassen mich vorsichtig nach einer versteckten Kamera Ausschau halten. Aber gut.

Nachdenkliches in Hohenschönhausen

Anschließend geht es in die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Wir haben Glück, unsere Gruppe bekommt den charismatischen Widerstands- und Freiheitskämpfer Henry Leuschner als Zeitzeugen. Er erzählt viel, viel Persönliches, viel Abgedrehtes, viel Bewegendes, Berührendes, Erschreckendes. Er hat nicht aufgegeben, sein Leben weitergeführt, sagt, er sei froh, wo ihn das Schicksal hingeführt hat. Er ist gezeichnet, aber hadert nicht. Manchmal ist es etwas schwierig, ihm zu folgen, weil er zwischen verschiedenen Zeiten und Ereignissen hin und her springt. Ich muss öfter mal schlucken. Worum machen wir uns eigentlich Gedanken? Dieser Besuch erdet und stimmt mich nachdenklich. Nach diesem harten Tobak streifen wir noch kurz die Gedenkstätte Berliner Mauer. Als nächstes fahren wir ins Paulaner. Ich habe aufgehört, mich über die Restaurant-Auswahl auf dieser Reise zu wundern, auch wenn die Spätzle wirklich lecker sind. Der nächste Tag führt uns in den Bundestag.

Ob das was wird, mit dieser Digitalisierung?!?

Wir haben Glück, Angela Merkel hält an diesem Tag ihre Antrittsrede. Es ist voll, wir werden kontrolliert, dürfen nicht fotografieren. Ich fühle mich nicht wirklich wohl, mit Argusaugen beäugt. Sie sagt „was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“. Ich bin gespannt. Nach 45 Minuten müssen wir gehen und lauschen einem Vortrag von Sabine Poschmann, obwohl ich lieber die anschließende Diskussion mitverfolgt hätte. Immerhin dürfen wir danach noch bei strahlendem Sonnenschein in die Kuppel. Für mich ist dies die letzte Station der Reise. Ich habe noch einen Termin. Ich schlendere kurz durch das beeindruckende Denkmal für die ermordeten Juden Europas und hin zu meinem Meeting. In der Kulturbrauerei rede ich mit Sylvia Eberl und Daniel Pichel von Mynewsdesk und Anne Jacobs über die Digitalkonferenz Besser Online des DJV. Und werde zum DigitalPRBootcamp am nächsten Tag eingeladen. Was tun? Hingehen, beschließe ich kurzentschlossen.

Berlin, Hamburg, Frisur sitzt so naja!

Einen halben Tag und dann nach Hamburg zu den Online Marketing Rockstars. Doch vorher darf ich nochmal zurück zum Potsdamer Platz. Lande fast zufällig beim Medienpreis Politik im Paul-Löbe-Haus. Der Preis geht an Robin Alexander von der „Welt am Sonntag“ für seinen Bericht „Das Bild, das es nicht geben sollte“ über den 12.9.2015, als die große Koalition die Einreise Zigtausender Migranten stoppen will, sich aber kein Politiker findet, der die Verantwortung dafür übernehmen möchte. Ein spannender Abend mit kleiner unterirdischer Führung durch die Gebäude, die ich tagsüber streng bewacht gesehen habe und nun entspannt durchstreifen darf. Und interessanten Gesprächen. Weiter geht’s am Donnerstag. Auschecken aus dem Hotel, Einchecken in der Kulturbrauerei, Frühstück, dann den Referenten Dr. Georg Kolb, Tobias Geldner und Daniel Ekbladh lauschen. Voller neuer Eindrücke zum Bahnhof und in den Zug nach Hamburg. Der bleibt 20 Kilometer vorher stehen – Personen im Gleis. Es dauert. Schließlich komme ich doch noch an. Darf durch die Messe schlendern. Merke, auch hier ist das Thema Bots mehr als angekommen. IBMs Watson begegnet mir hier mehr als einmal. Irgendwie hat sich die einst kleine Veranstaltung fast zu einer zweiten dmexco entwickelt. Am Abend dann spielen als Überraschungsgäste 5 Sterne deluxe. Sehr cool. Es folgt Oli P. mit einem für meine Ohren schlimmen DJ-Set. Mmh.

Am nächsten Tag dann Vorträge zu Pinterest, Instagram, Bots und Datenschutz hören und sehen und von verschiedenen Ausstellern inspirieren lassen. Was für eine Woche. Mit ganz viel Input, spannenden Menschen und verschiedensten Eindrücken.

Was die digitale Welt angeht, bleibt es mega-spannend, was mein Warmwerden mit Ortsvereinen und Beamten angeht, eher nicht. Was Berlin „als Tour“ angeht, gewöhnungsbedürftig, aber ich habe Ecken und Inhalte gesehen, die mir sonst garantiert entgangen wären. Danke an alle für fünf spannende Tage!