Bosnisch für Anfänger

TitelbildTuzla

Es ist Montagmorgen, 10.30 Uhr. Ich sitze im Café „Coffee Zone“ in Tuzla in der Sonne, genieße einen Cappuccino und lasse die letzten beiden Tage in Gedanken an mir vorbeiziehen. Für so kurze Zeit von Dortmund nach Bosnien zu reisen, mag vielleicht etwas komisch klingen. Warum ich das gemacht habe? Weil ich spontane Entscheidungen liebe. Als ich vor ein paar Wochen im Zug auf dem Weg nach Hamburg saß, erreichte mich eine Nachricht von einer lieben Freundin. Darin: ein Flugticket nach Tuzla. Da muss sie sich im Empfänger geirrt haben, dachte ich. Hatte sie aber nicht. Denn auf das Flugticket folgte telefonisch die Info, dass das ein Flugticket sei, das sie für sich gebucht hat und mich nun fragte, ob ich gemeinsam mit einer weiteren Freundin nicht spontan Lust hätte mitzukommen. Wir haben uns vor zwei Jahren bei der Prüfung zum Lu Jong kennengelernt und sind seitdem befreundet. Ich wusste, dass sie in Sockovac, ca. 60 km entfernt von Tuzla, aufgewachsen ist, und, dass sie vorhat, ihr Elternhaus zu einem kleinen Seminarhaus umzugestalten, um dort Kurse zu geben.
Ein kurzes Zögern später befand ich mich bereits auf der Wizzair-Seite. Zu oft habe ich gerade in der letzten Zeit gehört und darüber nachgedacht, dass ich mehr im Hier und Jetzt leben sollte.

 

Also auf nach Bosnien!

 

Eine Nacht in Tuzla, 3 Nächste in Sockovac, noch eine Nacht in Tuzla. Also stieg ich am Donnerstagmorgen in den Flieger und landete zwei Stunden später auf dem kleinen Flughafen, der mehr Baustelle ist als alles andere. Mini klein, ein Rollband, von dem ein Mensch wortlos die Koffer hebt, die aus dem Flugzeug kommen. Mit dem Taxi in die Stadt. Vorbei huschen Landschaften und Wohngegenden, bevor wir schließlich im Heartland Hotel ankommen, das direkt in der Altstadt liegt. Zum Glück ist mein Zimmer schon frei. Ich ziehe mich kurz um und schlendere durch die Straßen. Es wirkt alles etwas schmuddelig, teils verlassen, ein Schuhgeschäft reiht sich an das nächste.

Aber es gibt auch nette kleine Gässchen mit niedlichen Cafés, einen Park und einen Salzsee mitten in der Stadt. Es sind 30 Grad, ich sauge die Atmosphäre dieser kleinen Stadt auf, in der am 25. Mai 2005 während des Bosnienkrieges ein Einschlag einer Artilleriegranate 71 Menschen das Leben kostete. Eine Gedenktafel erinnert an dieses grausame Geschehen. Am Abend sind die Straßen gefüllt mit Menschen, die sich das WM-Spiel Argentinien gegen Kroatien anschauen. Ich reihe mich ein und falle irgendwann Stunden später todmüde ins Bett. Den Tag in Tuzla verbringe ich allein, denn meine Freundinnen reisen aus Baden-Baden an und bleiben nur von Freitag bis Montag, weil Wizzair nicht anders fliegt.

Am nächsten Tag kaufe ich – wie sollte es anders sein – ein paar Schuhe… okay, zwei! …, trinke Kaffee im Café Intermezzo und im „Just Caffe Pub“, arbeite ein bisschen im „Urban BeaTZ“ und freue mich auf unser Wiedersehen am Nachmittag, das dann zwar etwas verspätet, aber reibungslos klappt.

 

Sockovac – ein Dorf, in dem es menschelt

 

Gemeinsam fahren wir mit dem Mietwagen in Richtung Sockovac und kommen dort gegen Abend an. Wie viele Menschen genau in diesem Dorf wohnen, weiß ich nicht, aber es sind wenige. Die Zeit scheint hier vor vielen Jahren stehengeblieben zu sein. Zwei Mini-Kioske, ein Café, grüne Wiesen, Hühner, Schafe, vereinzelte Häuser, Wälder, Hütten und wieder diese netten Menschen, die ich in Deutschland in letzter Zeit leider nur vereinzelt treffe.

Wir holen den Schlüssel zum Haus von den Nachbarn ab und müssen erstmal den selbstgebrauten Sliwowitz probieren. Dazu gibt es frisches Käsegebäck, bosnischen Kaffee und geräuchertes Fleisch. Wir werden so herzlich begrüßt und bewirtet, als wäre nicht nur Slavica hier zu Hause, sondern auch wir. Einige Schnäpse später kommen wir dann wirklich an. Die Atmosphäre ist grandios. Vom Haus aus und auch aus den drei Schlafzimmern schaut man auf Felder, Berge und grüne Wiesen. Innen ist alles freundlich mit Holz eingerichtet. An lauen Sommerabenden lässt es sich wunderbar ein Glas Wein auf der Terrasse genießen. Ein eigener Behandlungsraum für Reiki oder Massage ist gleich nebendran. Im Obergeschoss gibt es einen kleinen Yogaplatz, in den ich mich morgens schleiche, wenn die anderen noch schlafen. Übrigens kann man dieses Haus neben den Seminarangeboten, die es schon bald dort geben wird, auch mieten. Bei airbnb findet ihr es hier.

Aber erst schaue ich aus dem Fenster, der Morgennebel lichtet sich gerade. Die Sonne wirft ihre ersten Strahlen aus. Die Ruhe ist genial. Nur Vögel zwitschern. Durch den Garten streicht eine Katze und blickt mich erstaunt an. Offenbar hat sie so früh nicht mit Menschen gerechnet. Wir frühstücken auf der Terrasse. Eigentlich kann man hier aber auch den ganzen Tag bloß sitzen, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch in der Hand – oder auch ohne – und den Tag dahinplätschern lassen. Das tun wir aber nicht. Wir fahren heute zu den bosnischen Pyramiden nach Visoko. 2005 entdeckte der Pyramidenforscher Dr. Sam Osmanagich diese Phänomene. Schon kurze Zeit später begannen dort archäologische Grabungen, die bis heute andauern. Wer sich ein Bild darüber machen möchte, was es damit auf sich hat, sollte mal etwas intensiver Herrn Google befragen. Viele tun es als Fake ab, aber wenn man dort unter der Erde oder auch auf dem Pyramidenberg steht, hat das schon etwas ganz Besonderes. Natürlich müssten, wenn diese Bauwerke mit ihren unterirdischen Tunneln tatsächlich schon seit 30.000 Jahren hier existierten, die Geschichtsbücher umgeschrieben werden. Ich lasse das einfach mal so im Raum stehen…

Es ist schon nach 16 Uhr, als wir uns schließlich auf den Weg ins noch circa 40 Kilometer entfernte Sarajevo aufmachen. Gern würde ich länger in dieser Stadt mit ihren Museen, Theatern, Plätzen und unterschiedlichen Vierteln bleiben, aber dafür reicht bei diesem Kurztrip die Zeit nicht. So schlendern wir ein bisschen durch die Altstadt, erstehen eine Kaffeemühle, einen Schal und noch einige weitere Kleinigkeiten, bevor wir im Monica Han zu Abend essen, in einem Innenhof mit kleinen Geschäftchen und leckeren Kleinigkeiten. Es ist fantastisch, hier mit einer Person unterwegs zu sein, die die Sprache der Menschen spricht und weiß, welche Orte besonders empfehlenswert sind.

Weit nach Mitternacht kommen wir erschöpft wieder in Sockovac an. Als ich am nächsten Morgen aufwache, duftet es nach Gebäck und frischem Kaffee. Es beginnt ein neuer herrlicher Tag, übrigens komplett ohne WLAN. Digital Detox ohne Vorwarnung. Tut gut für einen Tag, auch wenn ich eigentlich… nee, heute gibt es kein eigentlich. Kleine gebackene Pfannküchlein, Obst, frisches Brot und viele weitere Köstlichkeiten stehen schon bereit. Nach einem ausgiebigen Frühstück, schlendern wir hinüber zum Friedhof und weiter zu anderen Nachbarn. Auch hier kommen wir ohne einen Schluck selbst gebrannten Sliwowitz mit feinem Birnengeschmack nicht weg. Zur Info: es ist 11.30 Uhr!

Wir möchten die örtliche Kirche anschauen, die noch nicht ganz fertig ist. Im Innern wird noch fleißig gemalt. Den Schlüssel bekommen wir von einem anderen Nachbarn und wandern dann weiter ein wenig den Hügel hinauf, als wir plötzlich einen Maulbeerbaum voller reifer Früchte entdecken. Ich habe zufällig eine Tüte in der Tasche. Diese kleinen Powerfrüchte enthalten nicht nur sehr viel Vitamin C, sondern auch das Antioxidant Resveratrol. Und noch dazu schmecken sie fantastisch. Plötzlich kommt jemand aus dem Haus. Ich verstehe nichts, denke natürlich gleich, dass der Hausbesitzer schimpft, weil wir seine Beeren mopsen. Tut er aber gar nicht. Mir kommt spontan Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein in den Sinn. Ihr wisst schon, die Geschichte mit dem Hammer. Keine fünf Minuten später sitzen wir auf der Terrasse, beknuddeln den Hofhund und werden versorgt mit frischem Kaffee und selbstgerechtem Nusslikör und einem Schnaps aus der Weichselkirsche, Keksen, Chips und netten Gesprächen. Leicht angeheitert schlendern wir irgendwann plaudernd den Berg wieder hinunter und überlegen uns lustige Seminare wie „Betreutes Trinken. Wie werde ich in zwei Tagen zum Alkoholiker“ oder aber eine „Sliwowitz-Tour mit Brenn-Seminar“. Nur Spaß natürlich…

Der Abend führt uns dann vorbei an heilenden Schwefelquellen, in die wir kurz unsere Füße halten, hin zu einem künstlich angelegten kleinen See mit dem wunderbaren Fischrestaurant „Orlovo Jezero“, unterhalb des Klosters Ozren gelegen. Hier essen wir frische Forelle und genießen den letzten gemeinsamen Tagesausklang.

Zurück im Dorf stehen noch 4 (!) Einladungen von Nachbarn aus. Wir schaffen zwei – natürlich wieder mit leckeren selbstgemachten Getränken und Speisen und Gesprächen mit Händen und Füßen und ein bisschen Übersetzung von Slavica. Die Menschen freuen sich über Gäste, immer und überall. Aufgetischt wird das, was im Haus ist. Und von ganzem Herzen gegeben. Ich weiß nicht, wie viele Male ich gehört habe, ich sei immer willkommen. Jetzt bin ich zurück in Tuzla, sitze inzwischen im Café Sloboda, weil ich den Text nicht in einem durchgeschrieben habe. Und habe ein bisschen Angst, dass es mir morgen wieder gehen wird wie nach Bali. Mich haben diese Freundlichkeit, diese Großherzigkeit und Echtheit, diese Menschlichkeit wieder geflasht. Ich werde einfach einen großen Teil davon mit nach Hause nehmen, wenn ich morgen um 6 Uhr in den Flieger Richtung Heimat steige.

Und eines weiß ich ganz sicher: Ich werde wiederkommen. Zum Schnapsbrennen (ja, es gab Einladungen ;-) ), Maulbeeren pflücken, Buch schreiben, Runterkommen, eine gute Zeit verbringen oder tolle Menschen treffen – ganz egal.

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