LSD, Licht und lose Enden

Boyle

Ich liebe dieses Kino. Heute ganz besonders. Zwar wird kein Film gezeigt, aber dafür ist T.C. Boyle zu Gast in der Essener Lichtburg. Die ist übrigens an diesem Abend restlos ausverkauft. Als der schlaksige Autor die Bühne betritt, schallt lauter Applaus durch den Saal, durch mich schallt ein kurzer Moment der Trauer. Ich bin allein zur Lesung gekommen. Bewusst. Um etwas abzuschließen.

Das Licht und ein LSD-Guru

Das letzte Mal, dass ich T.C. Boyle gesehen hatte, war im Februar 2017 in München. Gemeinsam mit meiner Tante, die einige Wochen danach ums Leben kam. Auch sie habe ich an diesem Abend das letzte Mal gesehen. In der Zwischenzeit ist viel passiert. Unschönes Zwischenmenschliches von Personen, auf die ich mich, so dachte ich bis dahin, immer verlassen kann und die immer ein Teil meines Lebens sein würden, nun aber eben nicht mehr dieser sind. Diese erbarmungslose Demonstration der Vergänglichkeit, die ja eigentlich jedem von uns bekannt ist, hat aber auch Schönes, Mut Machendes, neue Menschen und kreative Ideen mit sich gebracht. So paradox das auch klingt. Gerade deshalb ist dieser Abend eine Art Abschluss oder aber auch der Schritt heraus aus dem alten und hinein in ein irgendwie neues, verändertes Leben. Hört sich groß an, soll es gar nicht. Aber hat etwas davon. So sitze ich nun in der Lichtburg und lausche den so treffend gewählten Worten des Schreiber-Punks unter den Autoren. Sein neues Buch „Das Licht“, das übrigens zuerst in Deutschland, erst später in Amerika erscheint, handelt vom LSD-Guru Timothy Leary.

Rattenfänger und Trump-Kritiker

Die Szenen, die Boyle liest, lassen vermuten, dass er bei seinen Beschreibungen auch auf eigene Erfahrungen zurückgreifen und aus dem Rausch-Nähkästchen plaudern konnte. Im Interview verrät er aber, dass er schon lange die Finger von Drogen lässt, stattdessen die Natur liebt… und Ratten fängt, um sie in den Bergen wieder in die Freiheit zu entlassen. Irgendwie halt immer noch Punk mit seinen 70 Jahren. Warum er nicht aus Amerika auswandere und in Deutschland lebe, wird der als Trump-Kritiker bekannte Mann gefragt. „Ich will Teil der Bewegung sein, die ihn in die Knie zwingt“, sagt er und twittert weiter täglich gegen ihn. Ein Buch wird er jedoch nicht über Trump schreiben. „„Das tue ich mir künstlerisch nicht an“, sagt er. Stattdessen recherchiert er bereits in eine andere Richtung in Sachen neues Werk. Und zwar befasst er sich mit dem Bewusstsein von Tieren. Man darf gespannt sein.

Ich erlebe diesen Abend tatsächlich als eine Art Abschluss. Während Boyle liest, katapultieren mich meine Gedanken zurück zu dem Tag in München. Als meine Tante und ich uns das neue Buch kauften und es signieren ließen. Heute kaufe ich auch ein Buch, stecke es aber in die Tasche und stelle mich auch nicht in die megalange Signierschlange. Ich verlasse die Lichtburg, die, so fällt mir gerade jetzt, wo ich das hier schreibe, auf, ja auch namenstechnisch hervorragend zum neuen Boyle-Werk passt. Steige in mein Auto und fahre weg in ein zumindest gefühlt etwas anderes Leben als vor diesem Abend. Irgendwie haben sich da ein paar lose Enden zusammengefügt. Und das alles ganz ohne LSD ;-)

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