re:publica 2019, garniert mit etwas Achtsamkeit

#rp19

Gibt es sie überhaupt noch, die digitalen Nerds? Sind wir nicht alle inzwischen mehr oder weniger so digital, dass das klassische Nerdtum kaum noch auffällt? Wenn es noch irgendwo zumindest ansatzweise nerdig wird, dann einmal im Jahr für drei Tage in Berlin. Auf der re:publica.

Aber was ist es eigentlich, was den großen Reiz der dieses Events ausmacht? Ganz klar das Netzwerken, Plaudern und gemeinsam Chillen. Egal, ob im Liegestuhl, in der Hängematte oder einfach so. Denn hier trifft man Leute, die man sonst das ganze Jahr über nicht sieht. Meist zwar nur kurz auf einen Kaffee oder ein Bier. Aber man trifft sie und tauscht sich kurz aus, bespricht, plant, spinnt Ideen. Oder lernt neue Menschen kennen. Ein kreatives Knistern liegt in drei Tage lang permanent in der Luft. Die Sessions sind leider oft sehr voll, sodass ein vorheriger Plan meist nicht mal den ersten Tag taugt. Und wenn dann noch der Bundespräsident eine Rede hält, geht eh nix mehr – weil alles überfüllt und wegen der strengen Sicherheitsvorkehrungen gesperrt. Überhaupt war es in diesem Jahr sehr politisch. Was sehr erfreulich ist. Worum es politisch vor allem ging? Klimawandel, Rechtspopulismus, Urheberrecht.

Aber auch das Thema Künstliche Intelligenz, Hass im Netz, Fake News und natürlich Podcast waren sehr präsent. Zu letzterem habe ich mich selbst schlau gemacht, unter anderem in einer Panel-Diskussion mit Marcus Engert, Marcus Krüger, Elisabeth Rank, Laura Terberl und Yasemin Yüksel. Warum machen wir Audio, obwohl wir kein Radio sind, so die Frage. Eine illustre Runde mit vielen interessanten Infos. Und ein Raum, der angesichts des Ansturms mal eben kurzerhand um einen weiteren Raum erweitert wird. Dann ein zweistündiger Workshop zum Thema mit Bony Stoev und Lucas Görlach von Einfach Ton.

Podcast-Learnings im Doppeldecker-Bus

Welche Technik benutze ich, wie definiere ich meine Zielgruppe, welche Tools kommen infrage und wie lange muss ich überhaupt einplanen, um eine Folge aufzunehmen? Im FabLab, der oberen Etage eines Doppeldecker-Busses, saßen wir etwas zusammengepfercht, aber ziemlich kreativ und nach zwei Stunden definitiv um einiges schlauer. Im Anschluss noch ein Talk mit Ariana Baborie von Herrengedeck und eine Session mit Dave Taylor vom Podcast-Hoster Podigee, der allen das Podcast-Manifest ans Herz legte, das ihr unter podigee.com/manifesto findet. Ich jedenfalls nehme mit: Gut planen und dann einfach machen. Und die Tools und die Technik, die ich vorher im Kopf hatte, passen auch. Podcast ist angesagt, jetzt aber ganz wirklich und ganz echt ;-)

Und was das Urheberrecht angeht, so beschäftige ich mich als Vorsitzende des Bundesfachausschusses Online im Deutschen Journalistenverband schon länger mit dem Thema. Juristisch fundierte Auskünfte kann ich leider noch immer nicht geben, habe mir mittlerweile aber eine Meinung gebildet. Einiges kann ich nachvollziehen, anderes steht und fällt mit der Umsetzung der Richtlinie. Fatal, wie ich finde, war und ist jedoch die Kommunikation darüber.  Den heiß begehrten Talk zwischen Beckedahl und Voss, hervorragend und fundiert moderiert von Jo Schück, habe ich mir hinterher im Netz angeschaut, da dieser, wie viele andere, gnadenlos überfüllt war. Und ich muss sagen, dass sowohl Beckedahl als auch Voss aus meiner Sicht nicht wirklich geglänzt haben. Klar schießt das Urheberrecht mit der Schrotflinte auf YouTube und trifft dabei einige Unbeteiligte, wie Beckedahl so schön häufiger betonte, aber als Journalistin bin ich auch der Ansicht, dass das Urheberrecht durchaus schützenswert ist. Eine Lösung, die allen gerecht werden könnte, habe ich aber leider auch nicht parat. Und wie nun die Verlegerleistungsschutzrechte und auch die Uploadfilter, die, wenn auch nicht im Gesetzestext ausdrücklich genannt, ja zweifelsohne kommen werden, umgesetzt werden, das wird meiner Ansicht nach das Entscheidende sein.

Die Art der Kommunikation ist entscheidend

Die Fronten, so verhärtet sie auch sind, sind wohl vor allem entstanden, weil die Kommunikation nicht klar und deutlich war und diejenigen, die sich Sorgen um die Freiheit des Netzes machen, nicht wirklich abgeholt hat. Für mich stellt sich hier allerdings auch die Frage, warum Gesetzestexte dermaßen verklausuliert formuliert werden müssen, dass sie auch beim mehrmaligen Lesen in verschiedenen Sprachen nicht eindeutig nachvollziehbar sind – zumindest nicht für mich. Aber vielleicht wird dies ja besser, wenn es um die tatsächliche Umsetzung geht. Würden dann diejenigen zumindest kommunikativ mitgenommen, die jetzt komplett dagegen sind, wäre schon ein großer Schritt getan. So meine Meinung.

Erfrischend der Talk dann zwischen Tom Buhrow und Mai Thi Nguyen-Kim. Der Intendant des WDR und die Wissenschaftsjournalistin stellten die Frage „Überall Wissen, aber was wissen wir wirklich?“ auf so inspirierende Weise, dass der morgendliche Saal mehrfach frenetisch jubelte. Ist die Wissensanhäufung nicht eigentlich nur eine Atomisierung von Einzelfakten? Und sind viele Einzelfakten eigentlich schon Wissen? Oder gehört da nicht doch sehr viel mehr zu? Schon hier geht es ab und zu in Richtung Achtsamkeit. So fordert Tom Buhrow, dass man sich auf das, was man tut, ganz konzentrieren sollte und dass genau das, eben heute viel zu oft viel zu kurz kommt. Wie wir miteinander umgehen, auch im Netz, so meinen beide, sei enorm wichtig und Buhrow fügt hinzu „So wie du bist, bist du richtig, das müssen alle begreifen. Und wenn du exzentrisch bist, bist du so exzentrisch, wie du bist, auch genau richtig!“ Ich könnte den beiden noch stundenlang folgen, aber das Programm geht weiter. Eine Session jagt die andere und … wie war das mit der Achtsamkeit? Hier nochmal den E-Scooter testen, den Volocopter bestaunen und zwischendurch schnell einen Kaffee-Talk mit irgend jemandem, den man, wie so oft an diesen drei Tagen mit „ach Mensch, du auch hier?“ begrüßt, ein bisschen redet und dann weiterzieht.

Sascha Lobo muss live auf mich verzichten, den verfolge ich, ziemlich platt (also ich :-))  im Hotelzimmer – bei einem gemütlichen Gläschen Wein und Knabberzeug. Ich sage nur: Der Ifo-Index steigt und fällt sehr überraschend.

Achtsamkeit als Super Skill!

Besonders spannend und zielführend war für mich allerdings ein einzelner Vortrag. Der einzige ausdrückliche zum Thema Achtsamkeit. Auch wenn das Thema NewWork, agiles Mindset, das Ende der Führungshierarchie und einige andere eng damit zusammenhängen. Der Raum: Gerammelt voll. Und zwar gemischt. Mounira Latrache, eine ehemalige Google-Mitarbeiterin, hat es geschafft, mit diesem Thema einen kurzen Break in die wuselige re:publica zu bringen. Zumindest empfinde ich das so. Unter dem Motto „Mindfulness: the super skill for the Digital Age“ erzählte sie, was Stress mit unserem Gehirn macht und dass wir alle mehr Achtsamkeit brauchen. Kurze Meditation, achtsames Zuhören, eine Journalling-Übung – alle machen mit. Und die Erkenntnis, dass wir „alle unser Betriebssystem ändern müssen“ und es so wichtig ist, dass wir uns gegenseitig unterstützten, spricht mir aus der Seele.

Let’s Rock the VUCA World with Mindfulness!

Denn meine These lautet: Wir können die VUCA-Welt nicht ohne Mindfulness rocken. Hier fällt mir auch der WorkingOutLoud-Circle ein, an dem ich gerade teilnehme. Die Session dazu ist aber so voll, dass ich resigniert aufgebe. John Stepper, der Erfinder von WOL postet später auch ein Bild aus Berlin von der re:publica. Auch ihn habe ich verpasst. Aber so ist das eben. Mein Fear of Missing Out hat sich schon im Laufe des ersten Tages in ein Joy of Missing Out gewandelt. So habe ich das genossen, was möglich war und war sehr dankbar für die neue, etwas abseits gelegene Location B-Part, die in diesem Jahr zum ersten Mal dabei war. Eine kleine, feine Ruheoase für zwischendurch. Und hier gab es sogar dieses Mal ein paar Yoga- und Meditationsstunden. Obwohl daran noch etwas gefeilt werden könnte. Denn eine Poweryoga-Stunde mitten am Tag erfordert eigentlich eine Dusche und war etwas anders angekündigt, aber definitiv eine Erfahrung ;-) Umso entspannter die Meditation am nächsten Morgen.

Ein paar kleinere Side-Events am Abend zum Netzwerken und Schlemmen, Sybille Berg und Katja Riemann, Astro Alex, Sophie Passmann und viele weitere tolle Themen, die ich hoffentlich in diesem Jahr zumindest teilweise bei YouTube „nachschauen“ werde, eine zwischendurch immer wieder willkommene Erfrischung und ein beliebter Treffpunkt am BW-jetzt-Stand, Sonne, Hofgespräche, Liegestuhl-ExtremChillen und natürlich ganz viele neue Inspirationen und Ideen.

re:publica, du warst wie immer großartig!

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