Von geschlossenen Herzen und Hirnen

Pandemiemüdigkeit
Kaum geschlafen. Fühle mich ohnmächtig. Heute hoffnungslos. Verzweifle an der Menschheit. Wieder mal. Seit einem Jahr nur noch Home Office, Kontakt nur auf Abstand. Spazierengehen mit jeweils einer Person. Gewinneinbußen. Manchmal ist auch das schwer zu ertragen und lähmt. Aber mir sind andere Menschen wichtig. Ich habe gedacht, wir schaffen das gemeinsam, wenn wir aufeinander achten und uns solidarisch zeigen. Glaube nicht mehr dran.
Von Mitgefühl keine Spur
Zu Beginn der Woche die Verkündung, dass Astra Zeneca nicht weiter geimpft werden kann. Okay, vielleicht musste diese Entscheidung getroffen werden, doch wie unsensibel bitte läuft hier die Kommunikation? Wie wenig vorausschauend, sich der Konsequenzen bewusst und mitfühlend mit der Unsicherheit einiger, die nach schon vorheriger Äußerung Kekulés über den Impfstoff zweiter Klasse nicht mehr sicher waren, was überhaupt stimmt. Nein, ich gehöre nicht dazu, wurde aber direkt mit den Auswirkungen konfrontiert. Meine Mutter hat mir schon Monate vorher, von meiner Schwester beeinflusst, erzählt, sie lasse sich nicht impfen, weil damit ja nur die alten Menschen beseitigt werden sollen. Ja, so habe ich auch geschaut! Und mittlerweile aufgegeben.
Failing Forward komplett gescheitert
Ich habe gemerkt, dass ich an dem Tag in der letzten Woche, als das Impfen gestoppt wurde, nicht mehr in der Lage war, einfach so weiterzumachen. An kreatives Arbeiten war nicht zu denken. Ich habe funktioniert, ok. Alles verzögert sich wieder weiter. Auch ich kann langsam nicht mehr. Und gestern dann Kassel als Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Seit einem Jahr nun gibt es diese Demos von hirnbefreiten Menschen, durchsetzt von Rechten. Die all das wieder zertrümmern, was wir in den letzten Monaten durch unsere gegenseitige Rücksichtnahme geschafft haben. Gut, im Sinne des New Work spreche auch ich immer vom Failing Forward. Das bedeutet, dass in Zeiten der Unsicherheit und Unplanbarkeit Dinge erst ausprobiert und gegebenenfalls korrigiert werden. Fehler dazu gehören und Fortschritt bringen. Genau das passiert hier aber nicht. Es passieren Fehler, aber niemand kann/will aus ihnen lernen. Immer noch ist zu wenig Polizei bei solchen, wochenlang vorher angekündigten Veranstaltungen. Die, genehmigt oder nicht, zumindest stundenlang durchgeführt werden. Konnte keiner ahnen? Doch, konnte, war vorhergesagt und haben alle geahnt. Warum zur Hölle dürfen da tausende Menschen ohne Maske rumlaufen, Journalist:innen angreifen, andere Menschen treten, ohne, dass dies Konsequenzen hat, während woanders Menschen ohne Maske über Feldwege gejagt werden?
Angriffe auf Radfahrer
Einige Beamt:innen solidarisieren sich offen mit diesen eigentlich bloß bemitleidenswerten Wesen. Üben Gewalt gegen einzelne Radfahrer aus, die sich mutig in den Weg stellen. Weil da ja die Gefährder sind? Alles klar. Merkt ihr selbst, oder? Diese Bilder sind schwer zu ertragen. Und vor allem die Gewissheit, dass Konsequenzen höchstens wieder Einzelfälle sein werden und ein paar Bußgelder gegen die Leerdenker verteilt werden. Dass diese Menschen dafür mitverantwortlich sind, dass die Zahlen wieder steigen werden, dass wir alle länger in dieser Situation stecken und ein nicht vorhandener Innenminister weiter schweigt. Oder, wenn er dann den Mund mal aufmacht, etwas von nicht vorhandener Schuld und schwieriger Situation faselt. Eure Aufgabe ist es unter anderem auch, dafür zu sorgen, dass Rechte eingehalten werden. Wer soll euch noch ernst nehmen nach Kassel? Das macht was mit uns allen.
Ein Schlag ins Gesicht
Wie müssen sich erst Pfleger:innen, Ärzt:innen fühlen? Menschen, die Angehörige an Covid verloren haben? Von Virolog:innen ganz zu schweigen. Die kommen vom Hände vors Gesicht schlagen vermutlich gar nicht mehr raus. Halt, nein, zwischendurch müssen sie ja ein paar Anzeigen schreiben, weil sie ständig dafür, dass sie die Wahrheit aussprechen, Morddrohungen erhalten. Also die zumindest, die sich nicht auf die Seite der Verharmloser stellen. Ich selbst, ja ich habe auch seit einem Jahr weniger Geld. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, denn ich bin nur teilselbständig. Falle bei Coronahilfen durchs Raster. Wurde nicht bedacht, dass es auch Menschen gibt, die nicht komplett selbständig arbeiten. Geschenkt, denn ich weiß, es gibt Menschen, denen es schlechter geht. Trotzdem. Auch das nagt. Wenn nun die Osterferien beginnen und die knallevollen Flieger nach Malle abheben (ich behaupte mal, eine Korrelation zwischen Coronaleugnern und diesen Menschen könnte wahrscheinlich sein), ist auch das etwas, was mich fassungslos zurücklässt. Wie egoistisch und eingeschränkt muss man eigentlich sein?
Auf der Suche nach dem nicht vorhandenen Rückgrat
Das bringt mich auf die Kosten. Kosten für Polizeieinsätze, Kosten für Behandlungen von Menschen, die sich mutwillig mit Corona anstecken. Ich will das nicht mittragen. Muss ich aber. Zack. Die Öffnung der Schulen eine Woche vor den Osterferien. Geht’s noch? Noch besser sogar. Da hat Dortmund einen klasse Bürgermeister, der dies ablehnt, weil die Inzidenz mittlerweile wieder bei über 100 ist. Was passiert? Er wird zurückgepfiffen. Von Menschen ohne Rückgrat, Anstand und überhaupt irgendwas.
Allein mir fehlt der Glaube…
Ja, ich weiß, das klingt jetzt alles nach einer Wutrede. Nein. Wut ist da nicht mehr. Es ist Verzweiflung. Diese geschlossenen Herzen und Hirne machen mich müde und zuweilen wirklich komplett hoffnungslos. Ich weiß, es gibt auch positiv Entwicklungen. Menschen, die gemeinsam Dinge bewegen. Ich mache mit. Das hilft. In die Zukunft schauen, diese anders gestalten. Nur gibt es inzwischen diese Tage, an denen mir das einfach nicht mehr gelingen will und auch noch so viele Achtsamkeitsübungen, Yoga, Sport und Gespräche mit tollen Menschen nicht helfen. Wir hätten diese Pandemie gemeinsam meistern können… allein mir fehlt der Glaube…

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